Die Ansage auf dem Anrufbeantworter in der psychotherapeutischen Praxis war unmissverständlich: "Hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Rufnummer – außer Sie sind Borderliner." Diese Abfuhr erlebte eine Patientin, die jetzt in der Asklepios Klinik Nord in Hamburg untergekommen ist. Borderlinepatienten gelten als besonders schwierige psychisch Kranke. Oft schlagen ihnen negative Reaktionen entgegen. Nicht nur in der Familie. Freunde und Kollegen sind von den sozialen Dissonanzen, die diese Patienten oft auslösen, äußerst angestrengt. Und auch viele Therapeuten.

Der Hamburger Psychiater Birger Dulz gehört nicht dazu. Er ist Chefarzt der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen und einer der renommiertesten Borderlinespezialisten in Deutschland. Er versteht die Abneigung seiner Kollegen gegen diese Patientengruppe nur zu gut, denn Borderliner seien oft "unflexibel, lahmarschig, humorlos, selbstbezogen, begriffsstutzig, aggressiv, feige, kommunikationsfaul, kleingeistig, borniert, unfähig zum Verfolgen eigener Einsichten". Die Stärken der Borderlinepatienten sieht Dulz aber auch: Sie könnten "kreativ, pfiffig, witzig, selbstironisch, hilfsbereit, intelligent, streitbar, mutig, schlagfertig, großherzig, zugewandt, einsichtig" sein. Diese Gegensätze fordern Dulz heraus, und er bekennt: "Ja, ich mag Borderliner!"

Auf Station O52A behandeln Dulz und seine Kollegen ausschließlich Borderlinepatienten. Sie arbeiten an Fragen, die jeden Menschen umtreiben: Wie viel Nähe zu anderen kann ich ertragen? Wie viel Distanz ist für mich und andere nötig? Das hört sich harmlos an, doch für die Kranken sind solche Fragen von existenzieller Bedeutung. Ihr Problem ist es nämlich, einen Korridor zu finden zwischen überschwänglicher Zuneigung und hasserfüllter Abneigung. Das führt immer zu erheblichen Problemen mit anderen Menschen – und nicht selten zu Übergriffen und Kriminalität. "35 Prozent der erstinhaftierten männlichen Straftäter sind Borderliner", sagt Dulz. "Bei den Frauen sind es 20 Prozent."

Im Sportraum der Klinik im Norden Hamburgs sitzen zwei Teddys auf dem Boden, einander zugewandt. Eine 34-jährige Frau, die hier Sandra Fischer heißen soll, hat sie so dahin gesetzt. Sie selbst hockt in der Ecke des Raums, halb hinter einer Säule. Die Aufgabe in der Körpertherapie heute: Die Patienten sollten ihr wichtigstes Problem darstellen und sich dazu positionieren. "Meine Themen sind Partnerschaft und Nähe", sagt Fischer, als sie an der Reihe ist. "Und der große Wunsch nach einer eigenen Familie." Die Teddys stehen für Mutter und Kind. Am Ende der Therapiestunde sollen die Patienten einen großen Schritt auf ihr Symbol zu machen. Fischer macht aber bloß ein winziges Schrittchen. "Muss ich wirklich?", fragt sie.

Sandra Fischer ist zum dritten Mal auf der Borderlinestation. Vorher war sie in vielen anderen Kliniken, bei vielen anderen Therapeuten. Einen Freund hatte sie noch nie. Mit Mitte zwanzig hat sie angefangen, mit Fäusten und dem Kopf gegen Wände und Glasscheiben zu schlagen, sich mit Rasierklingen zu schneiden. Selbstverletzungen sind ein typisches Zeichen für eine Borderlinestörung. In den Patienten herrschen gleichzeitig große Leere und enorme Anspannung. Die Autoaggressionen wirken als Ventil, durch das der Druck entweichen kann. Vorübergehend. Dann baut er sich wieder auf.

Die Borderlinestörung ist eine Mischerkrankung – der Begriff entstand, weil bei den Betroffenen sowohl neurotische Symptome wie Angst diagnostiziert werden als auch psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen. Sie befinden sich also im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose. Viele Patienten selbst interpretieren den Begriff anders, sehen sich als "Grenzgänger", immer auf der Kippe.

Die Borderlinestörung ist eine Krankheit der Beziehungen. Sie wird ausgelöst durch Beziehungen – verletzende, lieblose, nicht vorhandene. Und sie zeigt sich in Beziehungen – macht sie kompliziert oder instabil oder verhindert sie ganz. Die Störung lässt sich aber auch durch Beziehungen wenn nicht heilen, so doch lindern. Das ist das Konzept der Station O52A. "Man kann sich das vorstellen wie eine Waage", sagt der Chefarzt Birger Dulz. "Bei den Patienten liegen viele schlechte Beziehungserfahrungen in der einen Schale. Von denen können wir sie nicht befreien. Wir versuchen aber, sie durch gute Beziehungserfahrungen aufzuwiegen."