DIE ZEIT: Herr Matschie, am Dienstag hat das Thüringer Kabinett über die Vita des Regierungssprechers Karl-Eckhard Hahn gestritten. Es ging um die Frage, ob die Deutsche Gildenschaft, der Hahn seit vielen Jahren angehört, auf dem Boden des Grundgesetzes steht.

Christoph Matschie: Das war schon bemerkenswert. Der Innenminister hatte die Verfassungsschutzämter aller Bundesländer um eine Einschätzung über die Gildenschaft gebeten. Nur zwei Bundesländer, Hessen und Niedersachsen, haben sich inhaltlich geäußert. Niedersachsen sehr kritisch mit der Aussage, dass die Gildenschaft zum Umfeld der Neuen Rechten gehöre. Und trotzdem hat Christine Lieberknecht die Debatte kurzerhand für beendet erklärt. Das finde ich beachtlich.

ZEIT: Warum?

Matschie: Ich hatte einen renommierten Wissenschaftler, den Berliner Historiker Wolfgang Benz, um eine Untersuchung der Gilde gebeten. Eine erste Einschätzung daraus liegt vor.

ZEIT: Dieses Papier konnte auch Lieberknecht vor der Kabinettssitzung einsehen. Was steht denn darin?

Matschie: Professor Benz hat eine überaus kritische Einschätzung abgegeben. Für Benz steht außer Zweifel, dass die Ideologie der Gildenschaft antidemokratische Elemente enthält, dass völkische und rassistische Ziele verfolgt werden. Und das hält er für unvereinbar mit der Arbeit eines Regierungssprechers. Das muss man sehr ernst nehmen.

ZEIT: Was sagt Frau Lieberknecht dazu?

Matschie: Sie sagt: Der Verfassungsschutz beobachtet die Gildenschaft nicht, alles andere sei eine Debatte von Politikwissenschaftlern. Mich wundert das! Wir müssen in Thüringen in Fragen des Rechtsextremismus doch besonders sensibel sein, gerade vor dem Hintergrund des NSU-Schocks.

ZEIT: Lieberknecht teilte sogar per Pressemitteilung mit: "Kabinett hat Debatte über die Deutsche Gildenschaft abgeschlossen." Das dürften Sie anders sehen.

Matschie: Bei solchen Fragen kann es doch keine Basta-Politik geben. Das ist kein sinnvoller Umgang mit diesem Thema. Deshalb ist die Debatte eben nicht beendet. Wir müssen inhaltlich diskutieren.

ZEIT: Was sollte denn Ihrer Ansicht nach jetzt passieren?

Matschie: Ich erwarte, dass Frau Lieberknecht gemeinsam mit Herrn Hahn diese Fragen klärt. Nur weil die Gildenschaft nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist der Regierungssprecher nicht außerhalb jedes Zweifels. Die Anforderungen an einen Regierungssprecher sind höher als die schlichte Tatsache, dass die Organisation, der er angehört, nicht Beobachtungsgegenstand des Verfassungsschutzes ist.