DIE ZEIT: Freitag, 15. November 2013, 20.45 Uhr. In Mailand trifft die deutsche Fußballnationalelf auf ihren Angstgegner Italien – da wollen wir wissen: Was macht Christoph Metzelder?

Christoph Metzelder: Dieses Mal werde ich mit meiner Mutter vorm Fernseher sitzen, zu Hause in Haltern am See.

ZEIT: Was werden Sie vermissen?

Metzelder: Nichts.

ZEIT: Nichts? Heißt das, Sie – immerhin ein Nationalspieler – haben am Ende keinen Spaß gehabt im Traumjob aller deutschen Jungs?

Metzelder: Ich sag’s mal so: Der Profifußball hat mir Spaß gemacht, weil ich die Chance hatte, erfolgreich zu sein.

ZEIT: Geht es auch weniger diplomatisch?

Metzelder: Wissen Sie, auf meiner Position, als Innenverteidiger, geht es nicht darum, Spaß zu haben. Man nimmt an dem, was diesen Sport ausmacht, nicht teil. Man ist destruktiv. Mein Job war nicht, Spielzüge zu initiieren, Gegner auszuspielen, Tore zu schießen. Es ging darum, genau das zu verhindern. Ich hatte oft das Gefühl: Ich komme nicht an den Kern, an die Essenz meines Sports. Die Arbeit des Innenverteidigers hat nichts mit dem zu tun, weswegen man als kleiner Junge anfängt zu kicken.

ZEIT: Ein Stürmer spielt Schicksal? Und das Schicksal spielt mit dem Verteidiger?

Metzelder: Ich will mich nicht beklagen, aber ein bisschen ist das so. Wenn du hinten den Ball verlierst, ist das existenzieller als vorne. Defensivspieler floskeln zwar gerne, Verteidigung fange schon im Angriff an – aber ich fand immer: Das ist beleidigte Leberwurst. Innenverteidiger sind ja genau dafür da: Fehler, die weiter vorn passiert sind, hinten irgendwie auszugleichen. Und es ist einfach scheiße, wenn das nicht klappt. Dieser angespannte innere Monolog, der war da, vor, während und nach jedem Spiel, der hörte bei mir nie auf. Den habe ich mit 33 Jahren genauso geführt wie mit 19.

ZEIT: Haben Sie mit Ihren Mitspielern je darüber geredet?

Metzelder: Nein. Das war meine Herzensangelegenheit. Der Kopf sagt natürlich: Die Arbeit, die ich für Stürmer wie Raúl mache, kommt am Ende auch mir zugute. Das war meine Rolle, und die habe ich auch mit Spaß ausgefüllt, insofern, als dass ich wusste: So gewinnen wir am Ende.

ZEIT: Wir hatten eher gedacht, Ihre vielen Verletzungen hätten Sie zermürbt.

Metzelder: Da ist auch was dran. Schon die erste Verletzung hat mich extrem zurückgeworfen: 2002 bekam ich diese Achillessehnenprobleme. Zwei Jahre lang habe ich nicht gespielt. Und danach ist meine Unbekümmertheit nie mehr zurückgekommen: Im Kopf hing ich noch in der Zeit vor der Verletzung fest. Aber mein Körper kam ans allerhöchste Level nicht mehr ran.

ZEIT: Das heißt: Sie sind den Großteil Ihrer Karriere Ihrem eigenen Idealbild hinterhergelaufen?

Metzelder: Ja. Und das tut einem Profisportler weh: Fußball ist zwar Beruf – aber immer noch auch Leidenschaft. Wenn es dann nicht läuft wie gewünscht, ist das mehr als nur ein schlechter Quartalsabschluss. Das berührt einen sehr tief.

Wäre dieses Gespräch ein Fernsehinterview, würde die Kamera spätestens jetzt an Metzelders Gesicht heranzoomen, um nach Spuren von Larmoyanz zu suchen. Doch da ist ein Lächeln. Metzelder spricht eben nicht wehleidig, eher wie ein kühler Kommentator seiner selbst. Vielleicht kommt so etwas dabei heraus, wenn ein katholisch-konservativ sozialisierter Mensch wie Metzelder über den Fußballplatz hinausdenkt: Sein erster Sport war Leichtathletik. Als Jugendlicher war er Ministrant. Sein Abitur machte er mit einem Notendurchschnitt von 1,8. 2006 trat er in die CDU ein. Im selben Jahr gründete er eine Stiftung, die sich um sozial schwache Kinder und Jugendliche kümmert. Unmittelbar nach seinem Abschied von Schalke 04 stieg Metzelder bei der Werbeagentur Jung von Matt ein.