Selbst wir, die wir uns der heiteren Menschheitsbeglückung verschrieben haben, leiden bisweilen am Ab und Zu der Gefühle. Wir blicken dieser Tage aus dem Fenster und sehen das Verfaulen der Blumen, das Verwesen der Blätter, das Verbraunen des Rasens. Kurzum: Es ist Herbst. Und da gilt selbstredend im "Norden des Herzens", "von der Natur den Aufschub einer einzigen Jahreszeit und das Bild der Südmeere zu fordern". So schrieb es ehedem der Rumäne E. M. Cioran, der novembrigste aller Philosophen, dessen nachgelassener Leidenschaftlicher Leitfaden II uns nun erreicht hat.

"Du stehst ohne Antrieb und Freude auf", schreibt er. Ja, das stimmt! Schon mal nach draußen geschaut? So geht das in einem fort: 140 mit Stahlfeder und Tinte auf Papier geseufzte Notate, Selbstanrufungen und Klageprosastücke, in denen sich eine "Landschaft der Verachtung" vor uns ausbreitet, eine "Musik ohne den Duft des Dunkels" erklingt und das "innere Brodeln der Zukunft" uns den Verstand raubt. Die Schrift gehört zu den letzten, die Cioran auf Rumänisch verfasst hat, bevor er auf Französisch zu dem eleganten Denker des Nichts wurde.

Manchmal denkt er auch nichts: Dann verdunsten die Seelen, bekommt die Vergeblichkeit eine abstrakte Krone, "grinst das Blut" und der "Mißbrauch der Freigiebigkeit abenddämmernder Himmel versperrt die Pfade des Menschen". Also inzwischen schon ab kurz nach fünf denken wir in "flügellosem Wahnsinn" und stehen zudem vor dem Problem, für die "Hydra unseres Werdens" genug Mützen zu finden. So ist sie eben, "die mörderische Archäologie des Denkens", die uns nach der Lektüre dieses Büchleins fast dazu gebracht hätte, uns auf die erste Marsmission zu wünschen ("Herr! Gieße Musik in dein Weltall"). Aber wir ignorieren unser wollüstiges "Weinen des Fleisches" und müssen das nicht einmal in die "Lumpen der Wahrheit" kleiden, um von diesem begnadet metaphorischen Quark abzuraten: Eine winddichte Jacke und Gummistiefel genügen.