Theresa Schwickardi, 24, und ihr Freund Guillaume Duhan, 25, haben ihr Studium beendet und sind soeben gemeinsam nach Berlin gezogen, um Praktika zu machen

Guillaume Duhan war noch nie in Berlin gewesen, als er beschloss, hier mit seiner Freundin Theresa Schwickardi die gemeinsame Zukunft zu beginnen. Die beiden hatten sich im September 2012 in London beim Erasmus-Austausch kennengelernt, sie verliebten sich nach einer Woche, waren drei Monate zusammen in London, führten neun Monate eine Fernbeziehung – und haben sich nun Berlin als ersten gemeinsamen Wohnort ausgesucht. Seit drei Wochen sind sie hier, Theresa hat gerade ein Praktikum in einer Werbeagentur begonnen, Guillaume sucht noch einen Platz in einem Internet-Start-up und frischt sein Schuldeutsch auf. Dass er sich entschieden hat, in einer Stadt zu leben, in der er zuvor nie war, findet er nicht ungewöhnlich. "Ich wusste schon vor dem Erasmus-Jahr, dass ich nicht nach Frankreich zurückkehren werde", sagt Guillaume. Die meisten seiner Freunde dort suchen Arbeit und finden keine. In Frankreich hat er 50 Praktikumsbewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort bekommen. In Berlin hat er bislang neun Bewerbungen geschrieben und zumindest fünf Rückmeldungen bekommen – auch wenn es Absagen waren.

Für die beiden spielt ihre unterschiedliche Nationalität keine Rolle. "Dieses Gerede ums unterschiedliche Essen zum Beispiel ist doch Unsinn", sagt Theresa. "In unserem Alter haben alle einen sehr ähnlichen Lebensstil." Die Unterschiede bemerken sie eher in ihrer Art, zu denken und zu reden. Die Deutschen findet Guillaume manchmal zu direkt. "Wir Franzosen sind diplomatischer", sagt er. Theresa lacht: "Ihr redet zehn Sätze, wo auch ein einziger reichen würde."

Anja Bouvatier, 38, und ihr Mann Christophe, 40, leben in Stuttgart, sie haben einen Sohn, Jannick, und die Zwillinge Fanny und Clara

Bevor sie ihren Mann traf, hatte sich Anja Bouvatier vorgenommen, nie mehr Französisch zu sprechen. Sie hat es gehasst in der Schule. Aber dann lernte sie 1996 im Studentenwohnheim in Esslingen diesen französischen Erasmus-Studenten Christophe kennen. Drei Monate später waren sie ein Paar. Sie ging dann sogar, während er in Stuttgart blieb, noch für ein Auslandssemester nach Grenoble, um die Sprache richtig zu lernen und herauszufinden, ob sie im Land ihres Zukünftigen auch leben könnte. Vielleicht ist es das, was Franzosen die deutsche Gründlichkeit nennen: Die Deutschen wollen alles richtig machen. Das ist bei den Bouvatiers heute noch so. Anja möchte, dass der Tisch schon fertig gedeckt ist und das Essen quasi auf dem Tisch steht, wenn sie Besuch erwarten. Christophe lässt die Gäste lieber erst mal ankommen. Sie finden aber nach 17 gemeinsamen Jahren, dass sich diese französische Spontaneität ziemlich gut mit der deutschen Verbindlichkeit verträgt. Die Bouvatiers sind in Stuttgart geblieben, mittlerweile haben sie drei Kinder, die jüngsten beiden sind Zwillinge und gerade acht Monate alt. Anja Bouvatier sagt, sie blicke als deutsche Frau immer etwas neidisch auf die Französinnen, weil es in ihrem Land völlig normal sei, recht bald nach der Geburt der Kinder wieder zu arbeiten und sich für die Hausarbeit eine Putzhilfe zu engagieren. "Ich empfinde die Französinnen als selbstbewusster", sagt Anja Bouvatier. Ihr Mann hingegen findet, dass die deutschen Frauen dennoch freier seien und die Frauenbewegung hier ihrem Ziel viel näher sei als in Frankreich. "In Deutschland gibt es diese Rollenaufteilung nicht mehr so sehr, dass die Frau in einer Beziehung die Hausarbeit übernimmt", sagt Christophe Bouvatier. Das Machotum sei in Frankreich noch viel verbreiteter. Das ist vermutlich das Geheimnis einer funktionierenden deutsch-französischen Beziehung: dass man das Land des jeweils anderen schätzt.