Oben stürzt der Himmel ein. Unterm Bett verstecken sich die Monster. Dazwischen: böse Mütter und abwesende Väter, unmoralische Präsidenten sowie fliegende Untertassen, beladen mit italienischen Würstchen. Es ist eine absurde, verkommene Welt, die Marshall Bruce Mathers, der Welt besser bekannt als Eminem, in seinen Reimen heraufbeschwört. Mit The Marshall Mathers LP 2 entführt er uns ein weiteres Mal dorthin, wo schon Millionen zu Gast waren: ins Innere seines Kopfes.

Endlich dürfen wir wieder teilhaben an seinen Aufwallungen und Selbstzweifeln und sind live dabei, wenn er Neidern, Speichelleckern und Trittbrettfahrern eine Abfuhr erteilt. Dafür, dass einem nicht langweilig wird ob der vielen B-, C- und F-Wörter, sorgen irrsinnig konstruierte End-, Anfangs-, Echo-, Binnen- und Doppelreime. "It’s like I’m in this dirt", rappt Eminem, "digging up old hurt" – im Dreck wühlen, um alte Wunden aufzureißen.

Das Leben als Müll, den man am besten bei anderen ablädt – kaum zu glauben, dass es Eminem gut geht. Oder sagen wir: Es geht ihm besser als noch vor wenigen Jahren. Der ersten Marshall Mathers LP , dem großen Durchbruch des aus Detroit stammenden Rappers vor 13 Jahren, folgten nicht nur Ruhm, sondern auch Depressionen, Drogen- und Tablettenabhängigkeit. Die Alben, die diese Zeit und den folgenden Entzug verarbeiteten, waren kommerzielle Erfolge, aber auch Übungen in Selbstzerfleischung, die nur durch Eminems grandiose Reimtechnik und seinen bösartigen Humor erträglich wurden: in Echtzeit ablaufende Psychotherapie am lebenden Wortakrobaten.

Auch The Marshall Mathers LP 2 wird auf die Nummer eins in den US-Charts klettern, das siebte Eminem-Album in Folge. Und doch hat sich etwas verändert. Eminems Tonfall ist immer noch bestimmt von Gewaltfantasien und selbstinduzierter Paranoia, doch mitten in der Raserei finden sich inzwischen Verschnaufpausen, in denen er schon mal die Abgründe und Höhen einer Beziehung auslotet oder fragt, wie er sich schlägt als Vater – er, der selbst nie einen Vater hatte. Sogar seine Mutter, die er in seinen frühen Hits an den Pranger gestellt hatte, bekommt in Headlights endlich ihre offizielle Entschuldigung.

Bloßer Egotrip ist The Marshall Mathers LP 2 trotzdem nicht. Nahezu jeder der Psychotrips wird mit einem schmucken Soul-Refrain verziert, für den dann niemand Geringeres als die aktuelle Pop-Queen Rihanna zur Verfügung steht. Und: Zum ersten Mal nutzt Eminem Bruchstücke von den Beastie Boys oder den Alt-Hippies The Zombies – also Samples, die er früher nie verwendet hätte, um nicht jenen in die Karten zu spielen, die ihn als weißen Rapper vermarkten wollten. Zumindest dieses eine Monster also wohnt nicht mehr unter seinem Bett. Für wahnwitzige Raps ist da unten aber noch genug los.

Eminem: The Marshall Mathers LP 2
(Universal)