Die Kapsel wirkt denkbar unspektakulär. Eine Art aufgepumpte Milchkanne mit zwei Henkeln, stumpf schimmernd. Ähnlich banal der Raumanzug. Über und über mit roten Bullen beklebt, als Limonadeverkäufer verkleidet, hatte sich Felix Baumgartner in die Leere des Weltalls kippen lassen und war als menschliches Geschoss auf die Erde zugestürzt. Der erste Mensch, der aus 39 Kilometer Höhe sprang. Und der erste, der im freien Fall mit 1.357 Stundenkilometern die Schallmauer durchbrach.

Kapsel und Anzug sind in einem Salzburger Glas- und Stahlpalast namens Hangar 7 ausgestellt. Hier schlägt das Herz des Brauseherstellers Red Bull. Slogan: "Smart durch den Tag, fit durch die Nacht". Hier stehen die spektakulärsten Maschinen, in denen Menschen ihr Leben riskierten, um den Absatz von Red-Bull-Dosen zu steigern: Formel-1-Boliden, Motorräder und Flugapparate, die eher an landwirtschaftliche Geräte erinnern.

Eigentlich gäb’s heute den ersten Jahrestag von Felix Baumgartners Stratos-Sprung zu feiern. Doch niemand scheint in Festlaune zu sein. Keine Korken knallen. Keine PR-Damen verteilen Presseunterlagen. Nur ein paar österreichische Lokaljournalisten warten im Café auf ihren Interview-Slot. Und im Ausstellungsraum legen die Kabelleger des Red-Bull-eigenen TV Senders Servus mit der üblichen Kabelleger-Verdrossenheit ihre Leitungen für die Geburtstags-Talkshow. Auch der Hauptdarsteller scheint nicht recht bei der Sache. "Nie mehr!", sagt Felix Baumgartner überraschend heftig, wolle er die Vorbereitung auf seinen Sprung wieder erleben. Fünf Jahre U.S. Airforce-Disziplin für einen Mann, den die österreichische Armee wegen Sich-nicht-fügen-Könnens als militärisch ungeeignet entlassen hatte. Eine 70 Kilo schwere Zwangsjacke für einen Base-Jumper, der am liebsten im T-Shirt von Brücken, Sendemasten und Gebäuden springt, um die Luft auf der Haut spüren. "Am schlimmsten war der Helm", sagt er. Dabei stand er ihm gut. Der starre Rahmen hielt sein Gesicht zusammen, konzentriert und entschlossen blickten die Augen durch das Visier. Ein Mann auf Mission. Jetzt, mit seinem jungenhaften Strubbelhaar, unterscheidet er sich kaum von anderen Besuchern im Raum. Und das in gotischen Lettern auf den Arm tätowierte Born to fly scheint reine Angeberei.

Erst als ihn ein Journalist Adrenalin-Junkie nennt, wird Baumgartner hellwach. "Kein Nervenkitzel, eine Herausforderung!", korrigiert er nachdrücklich. Diese Formulierung legt Red Bull all seinen 650 Trend- und Extremsportlern nahe, die der Konzern unter Vertrag hat. Mit einem Adrenalin-Junkie will sich kein Limonade-Konsument identifizieren. Mit einem Anarchosportler, jung, smart und sorglos, dagegen schon. Baumgartners Stratos-Sprung vergrößerte den Markenwert des Getränks mit dem Gummibärchengeschmack um fast zehn Prozent. Den Werbewert schätzen Marketingstrategen auf sechs Milliarden Euro.

Vor einem Jahr war das Gedränge um Felix Baumgartner größer gewesen. 200 Journalisten warteten in der Wüste von New Mexico auf seine Rückkehr aus dem All. Mehr Menschen als bei Obamas Amtseinsetzung verfolgten auf YouTube seine Wette mit dem Tod. Zu aufregend die Horrorszenarien, die in den Medien herumgereicht wurden: kochendes Blut, verdampfte Körperflüssigkeiten, ein Gehirn, das sich vom Rückgrat löst. Zur Sicherheit wurden die Bilder mit 20 Sekunden Verzögerung in die Wohnstuben geschickt. Zu kontraproduktiv wäre eine Leiche, die am Fallschirm auf die Erde zu trudelt. Für den worst case abgesichert hatte sich der Limonadekonzern zusätzlich mit einem Presse-Kommuniqué. Felix Baumgartner musste einen Text absegnen, in dem er seinen eigenen Tod guthieß.