Hochseethriller haben, ebenso wie Flugzeugthriller, einen ganz speziellen Thrill: den klaustrophobischen Schauplatz. Es ist nicht unerheblich, ob sich eine Verfolgungsjagd in den Straßenschluchten einer Metropole vollzieht oder zwischen Kommandobrücke und Maschinenraum eines Containerschiffs. Paul Greengrass, ein Spezialist für Actionfilme mit politisch-dokumentarischem Sachverhalt, reizt den Effekt der Enge voll aus, und da sein neuestes Werk Captain Phillips gute zwei Stunden dauert, wird den Nerven des Zuschauers einiges geboten.

Die auf einer realen Begebenheit beruhende Geschichte ist für Greengrass wie geschaffen: Im April 2009 wurde das amerikanische Containerschiff Maersk Alabama, das – eine fast zynische Pointe – Hilfsgüter für ostafrikanische Länder transportierte, von vier somalischen Piraten gekapert. Um seine zwanzigköpfige Mannschaft zu schützen, bot sich der Kapitän Richard Phillips als Geißel an. Die Piraten verschleppten ihn in das kleine Sicherheitsboot des Frachters, das Phillips ihnen samt 30.000 Dollar überließ. Es dauerte fünf Tage, bis die US-Navy ihn befreite und dem Spektakel mit einem technisch-militärischen Großaufgebot ein Ende setzte. Fünf Tage saß die amerikanische Nation vor dem Fernseher und verfolgte ungläubig den zähen Kampf zwischen der hochgerüsteten Spezialeinheit Navy Seals und vier abgerissenen, von Drogen und hysterischer Gewaltbereitschaft aufgeputschten, mit Maschinengewehren aus dem somalischen Bürgerkrieg bewaffneten Piraten. Drei von ihnen wurden erschossen. Richard Phillips veröffentlichte später das Buch Höllentage auf See, von dem das Drehbuch ausgeht.

Dass der Film nicht zum patriotischen Heldenstück à la Hollywood gerät, ist unter anderem Tom Hanks zu verdanken. In seiner Laufbahn ist dieser Film wohl ein Höhepunkt. Hanks spielt, mit Bart und Brille, den Kapitän als Allerweltstypen, der sich einzig durch eine besonders gewissenhafte Berufsauffassung hervorhebt und dessen Ego sehr gut ohne die Zuführung von Adrenalin auskommt. Eben deshalb ist er in der Lage, Vernunft und Fassung zu bewahren, bis er sie in der großartigen Schlusssequenz verliert. Dem dokumentarisch-sachlichen Gestus, der den Gegenpol bildet zum Actionhandwerk, gibt Hanks ein Gesicht.

Greengrass ist nicht nur um sachliche Detailgenauigkeit, er ist vor allem um eine gleichsam neutrale Perspektive bemüht. Er erzählt nicht von Gangstern auf der einen und Helden auf der anderen Seite, sondern davon, dass diese wie jene Figuren im Spiel höherer Interessen sind. Muse, der Anführer der Piraten, handelt auf Befehl somalischer Warlords, für die 30.000 Dollar ein Witz sind. Der Aufwand wiederum, den die US-Navy betreibt, ist dem Druck aus Washington geschuldet, unter allen Umständen die Entführung eines Amerikaners auf somalisches Festland zu verhindern. Dass die Geschichte des Terrors nur im weltpolitischen System verstehbar wird, mag keine ganz neue Erkenntnis sein. Aber sie ist in Captain Phillips tadellos inszeniert.