Jetzt wollen ihn alle. "Ja, dieses Land bekommt einen Mindestlohn, und zwar so, dass es keine weißen Flecken mehr gibt", sagte am Montag Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). "Es gibt keine Große Koalition mit der Zustimmung der SPD ohne einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn", versprach am Dienstag Sigmar Gabriel. Und selbst der unberechenbare CSU-Vorsitzende Horst Seehofer hatte sich am Freitag einmal frühzeitig festgelegt: "Ich kann mir die 8,50 Euro vorstellen." Kaum eine Idee scheint so einfach und einleuchtend zu sein wie der gesetzliche Mindestlohn. 83 Prozent der Bundesbürger sind laut Umfragen dafür. Und selbst seine Höhe scheint schon sicher.

Doch der Mindestlohn, der heute auf so breite Zustimmung stößt, das wichtigste wirtschafts- und sozialpolitische Projekt der kommenden Regierung – er könnte grandios scheitern. Es droht das gleiche Drama wie bei der Energiewende: Alle sind am Anfang dafür, aber keiner ahnt, welche Probleme damit verbunden sind. Der Glaube ist verbreitet, die Bundesregierung brauche beim Mindestlohn bloß auf einen Knopf zu drücken, und schon stiegen die Einkommen von Millionen Menschen und die Ungleichheit ginge zurück. Dabei wird der Mindestlohn, falsch eingeführt, wenig bewirken oder sogar denjenigen schaden, denen er helfen soll. Im schlimmsten Fall kostet er Hunderttausende den Arbeitsplatz.

Ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn würde bedeuten: Ob in Ost oder West, ob jung oder alt, ob Angestellter oder Praktikant – niemand in Deutschland würde weniger bekommen als 8,50 Euro pro Stunde. Ein solcher Mindestlohn wäre eine Zeitenwende in der Bundesrepublik. Bislang galt: Den Lohn setzen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften in Tarifverträgen fest. Wer nicht darunterfällt, verhandelt selbst mit seinem Arbeitgeber. Nur für einzelne Gruppen gibt es Branchenmindestlöhne, die Tarifpartner gewollt und selbst ausgehandelt haben. Ansonsten hält sich der Staat raus.

Der Mindestlohn, den die Koalitionspartner in spe nun planen, wird dieses Arrangement außer Kraft setzen. Seine Einführung ist einer der größten Eingriffe in die deutsche Wirtschaftsordnung seit dem Zweiten Weltkrieg. Er betrifft nicht nur Randbereiche der Wirtschaft, er ändert die Geschäftsgrundlage ganzer Branchen und könnte die Gehälter von rund sechs Millionen Menschen betreffen.

Die Frage ist, ob der Druck auf den Mindestlohn-Knopf wirklich die gewünschten Folgen hat. Bei der Energiewende stellen Politiker, Bürger und Wirtschaftsvertreter heute erschrocken fest, dass die Umsetzung dieser gut gemeinten Idee – die Förderung erneuerbarer Energien – ziemlich schiefläuft, weil alles viel komplexer ist als angenommen. Die Subventionen laufen aus dem Ruder, es wird mehr statt weniger Kohle verbrannt, und Arme können ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen. In einigen Jahren heißt es womöglich auch beim Mindestlohn: Oh, das hatten wir uns anders vorgestellt! So war die Lohnwende nicht gedacht.

Einen Eindruck von der Komplexität dieses Projekts vermittelt ein Blick in die Niedriglohnbranche Nummer eins: das Taxigewerbe. Laut Statistischem Bundesamt trifft man an keinem Arbeitsplatz öfter auf Geringverdiener als hinter dem Steuer von Taxis. 87 Prozent aller Fahrer arbeiten demnach zu einem Niedriglohn, im Durchschnitt verdienen sie 6,85 Euro pro Stunde. Allerdings sehen die Arbeitsverträge vieler Taxifahrer gar kein festes Gehalt vor. Sie erhalten einen Anteil der Einnahmen, die sie erzielen. Wie soll da ein Mindestlohn greifen? Werden diese Arbeitsverträge über Nacht ungültig? Oder bleiben sie erlaubt, so lange im Durchschnitt – eines Monats, eines Tages – ein Betrag auf Mindestlohnhöhe herausspringt?

Angenommen, die Fahrer sollen tatsächlich 8,50 Euro statt wie bislang 6,85 Euro bekommen, stellt sich ein weiteres Problem: Die Taxiunternehmer müssten 24 Prozent mehr Lohn zahlen, aber sie können ihre Fahrpreise nicht anheben. Die legen Städte und Gemeinden fest. Um 20 bis 25 Prozent müssten die Tarife steigen, um die höheren Lohnkosten auszugleichen, sagen der Taxiverband und auch manche Gewerkschafter. Aber werden die Gemeinderäte ihren Bürgern schlagartig höhere Taxigebühren zumuten? "In kleineren Gemeinden tagt der zuständige Ausschuss auch nur einmal im Jahr", sagt Michael Müller, Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands, "und dann wollen die erst schauen, was die Nachbargemeinde macht." Die Taxibranche brauche deshalb eine Übergangszeit von mindestens zwei Jahren.

Das mag übertrieben sein, ein Beispiel für die kommenden Schwierigkeiten ist es allemal. "Bisher hat sich niemand Gedanken gemacht, wie man den flächendeckenden Mindestlohn in der Praxis umsetzt. Viele Probleme sind ungelöst", sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.