Tuvalu ist das Paradies. Hier schwappt der türkisfarbene Ozean auf perlweiße Sandstrände. Kokospalmen wiegen sich sanft im Wind. Kein Touristenrummel, kaum Autos. Gerade mal 10.000 Menschen leben auf den acht Inseln des Südseeatolls irgendwo zwischen Hawaii und Australien. Wer sich nicht ausgerechnet mit Briefmarken beschäftigt – einem der wichtigsten Exportartikel von Tuvalu – der hat womöglich keine Ahnung, dass es das Paradies überhaupt gibt.

Dabei ist das Land international keineswegs isoliert. Denn als ehemalige britische Kronkolonie ist Tuvalu Mitglied des Commonwealth, der größten Staatengemeinschaft der Welt nach den Vereinten Nationen. Diese Woche beim Commonwealth-Gipfel in Sri Lanka trifft der Premierminister von Tuvalu Enele Sopoaga auf 51 weitere Regierungschefs. Sie werden über den Klimaschutz diskutieren und über den Kampf gegen Malaria. Auf der Tagesordnung stehen außerdem das Analphabetentum in den Entwicklungsländern sowie das Thema Menschenrechte und, natürlich: Wirtschaftsfragen.

Das Commonwealth produziert 15 Prozent der Weltwirtschaftsleistung

Gerade was das ökonomische Potenzial angeht, so scheint es, haben die Briten ihren Verein bisher nicht voll ausgenutzt. Wenn man so will, steht Tuvalu stellvertretend für die verkorkste britische Handelspolitik der vergangenen Jahre. Zwar erscheint das Abbild der Queen auf jeder tuvaluischen Briefmarke, aber der wichtigste Handelspartner ist nicht Großbritannien, sondern Deutschland. Dort scheint es mehr Briefmarkenfans zu geben, und dorthin führen die Tuvaluer den Großteil ihrer Kokosölproduktion aus.

Noch gravierender ist das Ungleichgewicht im Fall von Indien. Die deutsche Industrie exportierte 2011 Güter im Wert von fast 15 Milliarden Dollar dorthin. Großbritannien führte dagegen nur Waren für gut 8 Milliarden Dollar nach Indien aus. Nun gibt es eine Reihe von einflussreichen Politikern und Kommentatoren, die sich vorgenommen haben, das Commonwealth stärker in den Dienst der Briten zu stellen. Denn wirtschaftlich gesehen herrschen finstere Zeiten, und solange Europa insgesamt nicht durchstartet, können auch die Briten nicht mit einem Aufschwung rechnen. Anlass genug, die alte Macht des Commonwealth wiederauferstehen zu lassen. Der historische Kolonialclub soll Schlüssel zum Boom sein.

Das Commonwealth erstreckt sich über fünf Kontinente, umfasst mehr als zwei Milliarden Menschen und produziert 15 Prozent der globalen Weltwirtschaftsleistung. Fazit: "Es ist von globaler Bedeutung und hat enormes Potenzial", so die Ökonomin und Publizistin Ruth Lea. "Mit seinen enormen Rohstoffvorkommen und seiner wirtschaftlichen Vielfältigkeit, die von kleinen Entwicklungsländern bis zu einigen der größten Industrienationen reicht, spiegelt das Commonwealth den Charakter der globalisierten Wirtschaft besser wider als jedes andere Wirtschaftsbündnis."

Dabei denkt Lea vor allen Dingen an die EU. Derzeit gehen fast die Hälfte aller britischen Exporte in EU-Staaten, aber nur acht Prozent in Commonwealth-Länder. Angesichts der mittelfristigen Aussichten für die beiden Wirtschaftsblöcke sei das "geradezu widersinnig", meint sie. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird Europas Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung wegen der Verschiebung der Handelsströme und der demografischen Entwicklung bald auf etwa 12 Prozent sinken. Den Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen prophezeit der IWF eine durchschnittliche Wachstumsrate von 7,3 Prozent – sie holen auf.

Die Konsequenz liegt für einige britische Politiker auf der Hand: Großbritannien muss die EU verlassen und ein Freihandelsabkommen des Commonwealth initiieren. Es ginge darum, die britische Wirtschaft "nach den stärksten Wachstumsmärkten auszurichten", erklärt Ruth Lea.

Der konservative Europaabgeordnete Daniel Hannan, der Großbritanniens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ohnehin für "einen historischen Fehler" hält, sieht das genauso. Er stärkt sein Argument mit dem sogenannten Commonwealth-Vorteil. Durch die gemeinsame Sprache, das einheitliche Rechtssystem und die historischen Beziehungen könnten Unternehmen beim Handel innerhalb des Commonwealth bis zu 15 Prozent ihrer Kosten einsparen.

Die Thesen für das Commonwealth als große wirtschaftliche Boomzone sind verlockend. Das Problem ist nur, dass die Theorie von der Realität längst eingeholt wurde. Die erwähnten Zahlen zu den Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien beweisen es. "Eine Freihandelszone nützt wenig, wenn es keine Handelsgüter gibt", erklärt Sir Ronald Sanders von der Commonwealth-Fakultät der Universität London. "Solange die britische Wirtschaft ihre Industrieproduktion nicht ausbaut und Exportgüter produziert, wird auch der Abbau von Handelsschranken mit Indien nicht zum Aufschwung führen."

Als Alternative zu Europa taugt das Commonwealth nicht

Darüber hinaus dominieren die großen Commonwealth-Länder Großbritannien, Kanada und Australien den Export innerhalb des angelsächsischen Nationenclubs ohnehin schon. "Von einer Freihandelszone würden die kleinen Länder deutlich stärker profitieren als die Industrienationen", sagt Sanders.

Als Alternative zum ungeliebten Europa taugt das Commonwealth also nicht. Was nicht bedeutet, dass man den Handel nicht vertiefen könnte. Großbritannien müsse sich in seinen Handelsbeziehungen einfach "breiter aufstellen", sagte Außen- und Commonwealth-Minister William Hague kürzlich.

Für die Briefmarkenexporteure von Tuvalu wird Premierminister Enele Sopoaga in jedem Fall Interessantes vom Gipfel zu berichten haben. Zum ersten Mal wird die Queen als Oberhaupt des Commonwealth nicht den Vorsitz der Konferenz übernehmen. Stattdessen kommt Prinz Charles, also jener Mann, dessen Konterfei eines Tages die Briefmarken von Tuvalu schmücken wird.