DIE ZEIT: Herr Hahn von Dorsche, wann hatten Sie das letzte Mal Angst bei einer Behandlung?

Sören Hahn von Dorsche: Das war vergangenes Jahr. Da habe ich mich zu einer Operation hinreißen lassen, von der mir von Beginn an klar war, dass es Komplikationen geben könnte. Es ging um eine Operation am Kiefer, der Patient wollte auch aus finanziellen Gründen nur zwei statt drei Implantate einsetzen lassen, und plötzlich hatte ich während der Operation das Gefühl, dass wir auf ein Desaster zusteuern.

ZEIT: Ist es dazu gekommen?

Hahn von Dorsche: Nein, wir konnten die Situation noch retten, aber das war schon sehr unangenehm, ich habe im OP gemerkt, dass das nicht so wird, wie es sein sollte. Da bekommt man dann Angst, die Wünsche des Patienten nicht erfüllen zu können. Daraus habe ich wieder gelernt, nur Dinge zu tun, von denen ich absolut überzeugt bin.

ZEIT: Wenn man in Ihrem Beruf einen Fehler macht, kann das sehr viel weitreichendere Konsequenzen haben als in vielen anderen Berufen.

Hahn von Dorsche: Ja, das stimmt. Bei Operationen im Gesicht können die Folgen eines Behandlungsfehlers für den Patienten dramatisch sein. Stellen Sie sich vor, Sie verletzen einen Nerv und ein Mensch hat danach für immer einen hängenden Mundwinkel. Diese Gedanken sind da, aber ganz grundsätzlich kann man lernen, mit möglichst perfekter Vorbereitung und Planung die Angst zu minimieren.

ZEIT: Wird die Angst weniger, je länger man im Beruf ist?

Hahn von Dorsche: Auf jeden Fall, als ich als Assistenzarzt meine erste große Operation hatte, habe ich die Nacht vorher schlecht geschlafen. Heute habe ich vor Operationen gewöhnlich keine Angst mehr, weil ich weiß, worauf ich mich einlasse, und dass der Patient auch weiß, worauf er sich einlässt. Das Wichtigste ist, dass man nur tut, was man beherrscht.

ZEIT: Und trotzdem wird man als Arzt, der mit Menschen arbeitet, doch wohl nie eine hundertprozentige Sicherheit haben.

Hahn von Dorsche: Die Anatomie hält doch auch immer wieder Überraschungen bereit. Ich musste einmal während einer OP bei einem jungen Mädchen einen Luftröhrenschnitt machen, weil das Mädchen keine Luft bekam. Wir merkten dann, dass bei ihr eine große Arterie ganz woanders lag, als das üblich ist. Es war reines Glück, dass die bei dem Schnitt nicht verletzt wurde. Das ist eine Situation, da kommt die Angst erst hinterher.

ZEIT: Sie haben also einen Beruf, in dem es nie Garantien geben kann.

Hahn von Dorsche: Dessen muss man sich bewusst sein. Und das muss man auch jedem Patienten vorher immer ganz klar sagen. Eine detaillierte Aufklärung ist sehr wichtig. Der Mensch, der sich von mir behandeln lässt, muss vorher wissen: Ich kann noch so genau und penibel arbeiten, es kann trotzdem vorkommen, dass eine Komplikation entsteht. Die Patienten müssen Risiko und Chancen abwägen können.

ZEIT: Muss ein Arzt eine gewisse Angst haben, damit er nicht zu risikobereit wird? Oder beeinflusst Angst einen eher negativ?

Hahn von Dorsche: Ich glaube, das ist beides wahr. Angst kann einen natürlich bei der Arbeit hemmen, wenn man sich zu viele Gedanken macht, vor allem dann, wenn man seine Angst nicht in den Griff bekommt. Wer aber ohne Demut und zu unbesonnen an eine Operation herangeht, kann auch Fehler machen. Als ich später selber in der Facharztausbildung war, da gab es auch junge Ärzte, die einfach mal die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt haben, ohne genau zu wissen, was sie da tun. Aber wir arbeiten nicht an einem Werkstück aus Metall, sondern an Menschen. Da gibt es keine Ausschusstonne.

ZEIT: Neben der eigenen Angst spielt bei einem Arzt ja wahrscheinlich die Angst der Patienten eine große Rolle.

Hahn von Dorsche: Wahrscheinlich sogar die größere. Der Patient hat Angst vor dem, was jetzt mit ihm passiert. Und je deutlicher ich ihm als Arzt vermitteln kann, dass ich keine Angst habe, dass das für mich Routine ist, desto leichter kann ich seine Angst in den Griff bekommen.