Vive la France! Oder genauer: Es lebe der französische Realismus, der in den Atomgesprächen mit dem Iran einen "Deal für Dämliche" (wörtlich: jeu de dupes) verhindert hat, wie es der Außenminister Laurent Fabius nennt. Zwar ging es nur um einen "ersten Schritt", gut für sechs Monate. Aber der glich einer Übereinkunft, wo die eine Seite einen fetten Scheck überreicht, derweil die andere sich nur mit Versprechungen revanchiert. Die knappe, aber korrekte Antwort aus Paris: "Nein danke."

Der Scheck: Teheran erhält Zugriff auf eingefrorene 50 Milliarden Dollar, die etwa der Summe entsprechen, die dem Land jährlich durch das Ölembargo verloren geht. Dazu die Lockerung von Sanktionen, die etwa 20 Milliarden an freigegebenen Exporten bringen würde. Dagegen hatte das Chamenei-Regime allerlei feine Gelübde angeboten. Es werde keine neuen Zentrifugen installieren, seine Uranbestände nicht weiter als bis zu 20 Prozent anreichern und den Plutonium-Reaktor in Arak, den zweiten Weg zur Bombe, nicht anwerfen.

Das wäre schon mal ein famoser Fortschritt – mehr, als die Iraner in sieben Jahren fruchtloser Gespräche offeriert haben. Nur fehlte die entscheidende Konzession: "Vertrauen ist gut, Überprüfung ist besser." Für die UN-Inspektoren, die seit Jahren im Dunkeln tappen, bleibt Arak tabu; desgleichen sind es unangemeldete Besuche quer durchs Land. Vom Zurückrollen des Atomprogramms ist keine Rede.

Der westliche Reflex: Wir dürfen das Fenster zum Iran nicht zuschlagen

Auch der Laie sieht, dass dieser Deal so unausgeglichen ist wie Bares gegen Wechsel auf die Zukunft. Inzwischen beteuert US-Außenminister Kerry: "Wir sind weder blind noch töricht." Er sollte den Franzosen, die den "bösen Bullen" spielen, danken. Schon will Teheran den Inspektoren zwei weitere Anlagen öffnen. Am 20. November gehen die Gespräche weiter, wiewohl auf niedriger Ebene – was zeigt, dass die Begeisterung, die Präsident Ruhani nach seiner Wahl entgegenschlug, dem gebotenen Realismus weicht. Es wird sehr lange dauern – und mit höchst ungewissem Ausgang.

In solchen Situationen entsteht im Westen stets der gleiche Reflex. Der Refrain lautet etwa so: Wir dürfen das Fenster der Gelegenheit nicht zuschlagen, wir müssen die Öffnungsbereitschaft des Irans testen, den "Guten" gegen die Hardliner helfen; kurz: der Weg ist das Ziel. Das ist auf den ersten Blick weder blind noch töricht. Selbstverständlich gibt es Risse im Gebälk der iranischen Politik; seit Chomeinis Tod wogt ein untergründiger Machtkampf zwischen Reformern und Reaktionären. Also geben wir Ruhani den Erfolg, den er braucht. Der Realismus gebietet eine andere Lesart. Kann Ruhani überhaupt liefern? Das Geschäft wäre einfacher, wenn sein Chef, der Religionsführer Chamenei, eine ähnliche Charme-Offensive gestartet hätte. Schließlich geht es hier nicht um das übliche diplomatische Quidproquo, sondern um Prinzipielles.

Der Iran baut seit Schahs Zeiten an einer nuklearen Option. Die Chomeinisten haben nach einer kurzen Angstpause im Gefolge des amerikanischen Sieges gegen Saddam ihre Anstrengungen verdreifacht – trotz Isolierung und Verarmung. Die Bombe war ihnen den mörderischen Preis wert. Sie haben sich gegen den Krieg gewappnet, indem sie Anlagen verbunkerten und duplizierten. Der Iran wird dieses weitverzweigte System nicht opfern – es sei denn, das Regime fällt oder gibt seine revolutionäre Ideologie mitsamt den Vormachtsgelüsten auf.

Diese Lesart verbietet Illusionen, aber keinesfalls das hartnäckige Verhandeln, wo schon so viele Gespräche gescheitert sind. Wirtschaftlich hängt das Regime in den Seilen; die junge Mehrheit des Volkes glaubt nicht mehr an den gestrengen wie korrupten Islamismus; es gilt das Gesetz: Je antiamerikanischer das Regime, desto proamerikanischer die Bevölkerung. Mit diesen Pfunden kann die westliche Diplomatie wuchern, wenn sie die Nerven behält.