Als er zum Gesprächsthema der Republik wird, ist Jürgen Fitschen schon so gut wie weg. Am Dienstagmorgen vergangener Woche fliegt der Co-Chef der Deutschen Bank nach China. Dort trifft er Kunden und spricht mit Parteifunktionären über die neue Freihandelszone von Shanghai, später in der Woche geht es nach Indien. Den Trubel in der Heimat verfolgt Fitschen aus der Distanz. Journalisten rufen ihn auf dem Handy an, bitten um eine Stellungnahme. Kollegen sichern ihm Unterstützung zu. Kunden schicken aufmunternde E-Mails.

Prozessbetrug. Diesen Verdacht hegt die Staatsanwaltschaft München gegen mehrere ehemalige Manager der Deutschen Bank, im Zusammenhang mit einem Zivilverfahren. Nun ermittelt sie auch gegen Jürgen Fitschen, den mächtigsten deutschen Banker, weil dieser ebenfalls "strafrechtlich verantwortlich" sei. Die Aufregung ist groß. Zumal dies das zweite Verfahren gegen Fitschen ist. In einer Umsatzsteuerangelegenheit ermittelt die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Doch er selbst, scheint es, lässt sich durch die neuen Vorwürfe nicht aus der Ruhe bringen.

Montag dieser Woche. Fitschen – eher klein, eher unscheinbar, graue Haare – ist am Morgen aus Indien zurückgekehrt. Nach nicht viel mehr als einer Dusche geht er seinen Pflichten nach, betritt gegen zehn Uhr das Konferenzzentrum an der Frankfurter Messe und hält die Eröffnungsrede eines Finanzforums – völlig frei. Zu den Ermittlungen kein Wort. Es gibt weiter nur das Statement, dass die Bank überzeugt sei, "dass sich der Verdacht als unbegründet erweisen wird".

Einmal hat er sich beschwert, aber das ging nach hinten los

So will Fitschen es auch künftig halten. Kommende Woche spricht er auf der Euro Finance Week in Frankfurt, präsidiert als Chairman der illustren Abschlusskonferenz, dann geht es nach Berlin zum nächsten Auftritt – doch auf Worte zu den Vorwürfen sollte die Öffentlichkeit nicht hoffen. Fitschen lässt lieber die Juristen ihre Arbeit tun und schweigt, das ist in seinen Augen taktisch ratsam. Sein Fokus ist, die Vorwürfe bei der Staatsanwaltschaft auszuräumen. Er weiß, dass dies dauern kann, dass so lange seine Glaubwürdigkeit leiden kann, auch dass wohl etwas hängen bleiben wird an ihm. Doch er vertraut darauf, dass sich die Vorwürfe erledigen werden.

Der Mann, dessen Visitenkarte ihn als "Co-Vorsitzenden des Vorstands und des Group Executive Committee" der Deutschen Bank ausweist, ist berührt von den neuen Schlagzeilen, groß ist die Versuchung, seine Sicht der Dinge darzulegen. Doch sich zu beschweren führt nicht weiter, das hat Fitschen gelernt, spätestens als er sich 2012 bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier über einen spektakulären Polizeiaufmarsch in der Zentrale der Bank beklagte – und eine Empörung auslöste, die sich erst legte, nachdem er sich entschuldigt hatte. Jetzt geht er lieber einfach seiner Arbeit nach.

Jürgen Fitschen ist ein Weitermacher. "Säen und ernten, das ist eine wunderschöne Erfahrung", hat der Mann mit der stets leicht kratzigen Stimme einmal gesagt (ZEIT Nr. 45/11). In diesen Worten steckte mehr als nur die wohlige Erinnerung eines heute 65-Jährigen an seine Jugendtage in Hollenbeck bei Hamburg. Als Fitschen einst mit dem Vater aufs Feld ging, lernte er, dass man nicht alles unter Kontrolle hat, Wind und Wetter etwa. Es galt, die Gunst der Stunde zu nutzen, vor allem aber, Geduld aufzubringen und dann, wenn es anders kam als erhofft, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen. Dickköpfig vielleicht, aber auch mit einer gewissen Demut.

Als "Langstreckenläufer" charakterisiert ein Managerkollege Fitschen. Der Konzernbetriebsratsvorsitzende Alfred Herling sagt, Fitschen wolle "die Bank gemeinsam nach vorne bringen". Er höre zu, nehme die Leute mit, beziehe sie mit ein. Fitschens Bereitschaft zu offener Diskussion sei groß, heißt es oft, ebenso die Identifikation mit der Bank.

Fitschen gilt als Kundenmann, der sich um Vorstandschef Dieter Zetsche vom 114-Milliarden-Konzern Daimler genauso kümmert wie um den Privatkunden, der sich beschwert, weil der Geldautomat in der Filiale nicht funktioniert. Dass die Bank heute, nach der Finanzkrise und vielen Skandalen, als ein Haus gilt, das Kunden jedes Produkt andreht, Hauptsache, es bringt Profit – das stört ihn, das will er ändern. Mit Anshu Jain, seinem Partner an der Spitze, hat Fitschen einen Kulturwandel ausgerufen.