"Hallo Opa", schreibt Mirjam, "dass es dich so hingehauen hat, finde ich ätzend. Wahrscheinlich hat sich Oma fürchterlich geschämt. [...] Kannst du nicht wie ein normaler Mensch aufpassen?" – "Liebste Mirjam", schreibt Opa: "Ich bestehe gar nicht darauf, normal zu sein. [...] Außerdem solltest du mit solchen Feststellungen sparsam umgehen, denn du bist in einem Alter – in einem Zustand, der Pubertät genannt wird –, in dem du deine Eltern mit Verrücktheiten herausforderst." Dann wagt er einen "kühnen Vergleich: Der Unterschied in der Verrücktheit von vierzehnjährigen Mädchen und beinah achtzigjährigen Männern ist, dass die Mädchen an ihr leiden und die alten Männer sich an ihr vergnügen. Stimmt das?"

Stimmt natürlich nicht. Findet Mirjam, die Vierzehnjährige aus Peter Härtlings schmalem Band Hallo Opa – Liebe Mirjam, der aus nichts besteht als E-Mails, großzügig gesetzt auf knapp siebzig Buchseiten. Mehr braucht Härtling nicht, um ein Bild zu zeichnen von jener besonderen Verbindung zwischen Großvater und pubertierender Enkelin, zwischen einem Kind auf der Schwelle zum Erwachsensein und einem Erwachsenen auf der Schwelle zum Wieder-Kind-Werden.

Ein mal tastender, mal ruppiger Dialog entspinnt sich da zwischen Jung und Alt. Über die "Mama, die sowieso immer alles besser weiß", über "das Facebook", den Besuch bei Oma und Opa am Wochenende, den kleinen Bruder, die Großvater-Jugend und die Enkelinnen-Gegenwart. Über all die kleinen Geschehnisse, die keinen Roman ergeben, keine große Geschichte, nur das Leben – auf der einen Seite die Heranwachsende, auf der anderen Seite der Abschiednehmende. Denn auch davon erzählt dieses große kleine Buch: von ersten Malen und letzten Dingen. Davon, dass die Enkel-Großeltern-Liebe zwar unbeschwert von alltäglicher Erziehungslast ist, aber etwas anderes sie früher oder später überschattet: der nahende Tod. Dass es den Opa so "ätzend hingehauen" hat, ist nur einer von vielen Vorboten des Endes, das kein offenes ist.

Auch Charlotte Indens Generationengeschichte Anna und Anna läuft von Anfang an auf dieses Ende zu – was der Leser zwischenzeitlich vergessen darf. Doch bereits am Anfang steht als unmissverständliches Zeichen eine Beerdigung. Beigesetzt wird die Asche von Oma Annas linkem amputierten Bein im Garten unterm Apfelbaum. Flehend schreibt Anna an Anna: "Liebe Oma, bitte stirb nie."

Wie Härtling schildert Inden ihre Geschichte in Briefen. Ansonsten aber könnten die beiden Bücher gegensätzlicher nicht sein. Härtlings E-Mail-Erzählung wirkt skizzenhaft, beinahe schmucklos in ihrem Realismus. "Von: Mirjam / An: Opa", "Von: Opa / An: Mirjam" – das ist der Takt. Schulwechsel, Streit mit den Eltern, Opas Krankheit – das sind die Themen. Kein Wort zu viel, keine Seite zu viel, eher, wenn man etwas bemängeln möchte, ein paar zu wenig. Charlotte Inden hingegen schwelgt. Sie zieht den Leser hinein in eine romantisch versponnene Geschichte, in der Oma und Enkelin nicht nur den Vornamen teilen, sondern auch gemeinsam die erste Liebe (neu) entdecken: Die junge Anna verliebt sich in den Nachbarsjungen Jan, die alte Anna trifft Henri wieder, den Geliebten von einst. Erste und letzte Liebe, von hinten und von vorne A-N-N-A, eine Welt voll magischer Entsprechungen.