Wie fühlt es sich an, wenn man elf Jahre alt ist und ohne seine Eltern in ein anderes Land geschickt wird? Wenn man nicht weiß, ob man sie je wiedersehen wird? Marion Charles erzählt überzeugend von dieser Trennung, denn sie hat sie selbst erlebt. Im Juli 1939 verließ sie Deutschland mit dem Zug in Richtung England. Sie war eines von 10 000 jüdischen Kindern, die mit dem "Kindertransport" vor den Nazis gerettet wurden und in englischen Familien überlebten. Ihre Sehnsucht nach den Eltern und die abweisende Behandlung durch die Gastfamilien hielt Charles damals in ihrem Tagebuch fest. In den Briefen an die Eltern schlägt sie dagegen einen heiteren Ton an. "Ich bin wieder umgezogen und fühle mich wie im Paradies", schreibt sie ihnen am 18. August 1940. Am gleichen Tag notiert sie in ihrem Tagebuch, die neue Gastmutter habe ihr mitgeteilt: "Ich mag eigentlich keine Juden." Auf Wunsch der Familie hat die Autorin einige Namen in den Briefen und Tagebuchausschnitten geändert. Ansonsten liegen Originaldokumente vor, die Charles gelungen moderiert. Das Ergebnis ist ein doppelter Blick: der auf die Welt eines Mädchens, das von England aus den Krieg erlebt und allein erwachsen wird. Und der auf das Schicksal der Daheimgebliebenen.