Wir kommen näher, hoffentlich still und heimlich. Zebras sind scheue Tiere, an unserer Gesellschaft nicht interessiert. Also müssen wir vorsichtig sein bei unserem Gänsemarsch durchs hohe Savannengras, auf die friedlich grasende Herde zu. Wir sind ein halbes Dutzend Europäer, eingerahmt von zwei bewaffneten Massai, die alle Spuren zu unseren Füßen lesen können: Die größten stammen von Elefanten, die kleinsten von Warzenschweinen. Plötzlich hören wir ein heftiges Schnauben, bleiben stehen, lassen in einer Mischung aus Furcht und Abenteuerlust unsere Blicke schweifen. Löwen etwa? Die entspannten Gesichter der Guides enttäuschen unsere kühnen Hoffnungen. Das Schnauben klingt zwar aggressiv, bedeutet aber Furcht. Die Zebras sind nun doch auf uns aufmerksam geworden und treten hysterisch die Flucht an.

"Here was the origin of mankind", sagen unsere Guides, und tatsächlich kann man sich auf einer Walking-Safari, unterwegs im kleinen Kreis, leicht einbilden, man sei der erste Homo erectus, der hier, in der zentralafrikanischen Hochebene, die gebückte Haltung überwunden hat. Es muss ein ungeheurer Moment gewesen sein: Noch etwas wackelig auf den Beinen, löst er sich aus seinem begrenzten Sichtfeld und entdeckt die Ferne, den Überblick. Zugleich tritt er selbst aus der Deckung und in die Sichtbarkeit hinein und kann zum Ziel fremder Angriffe werden. Über das Gesträuch der Savanne hinweg blickt der Mensch bis zum Horizont, bis zu jener sich unendlich entziehenden Grenzlinie, die unsere Sehnsucht anstachelt, ohne dass wir sie je erreichen könnten. Spontan ist man geneigt, das Rückgrat durchzudrücken, als gelte es, nicht rückfällig zu werden. Auch wir sehen weit hinaus, aber nie mit so scharfem Blick wie die Massai an unserer Seite. Erst mit dem Feldstecher nehmen wir die Elefantenherde wahr, die in der Ferne, Staub aufwirbelnd, vorbeitrabt.

Das eigentliche große Tier der Reise trottet allerdings nicht über die freie Wildbahn, sondern wartet im Hotel auf uns – in seinem eigenen Hotel, dem Segera Retreat. Bis vor wenigen Jahren hat Jochen Zeitz die Sportartikelfirma Puma geleitet und war, mit Jahresbezügen um die sieben Millionen Euro, einer von Deutschlands bestbezahlten Managern. Jetzt lebt er, gerade erst 50 geworden, das halbe Jahr über in Afrika. Er hat Segera gekauft, ein 20.000 Hektar großes Areal auf dem kenianischen Laikipia-Plateau, und mitten hinein einen kleinen Flecken Luxus gesetzt, der erst seit ein paar Monaten offen steht. Dort sind wir zu Gast.

Ein natürlicher Schutzwall grenzt den Hotelbereich von der Wildnis ab, eine gewaltige Kakteenhecke, zwei Meter breit, fast ebenso hoch, undurchdringlich. Nur ein paar Affen gelingt es wunderbarerweise, hin und wieder die verstachelte Hürde zu nehmen. Sieben hölzerne Gästepavillons gibt es, mit Dächern aus Reet, auf hohe Pfähle gebaut, des Ausblicks wegen. Um sie herum wächst eine Art Paradiesgarten, dessen Büsche voller bunter Blüten hängen – überschwängliche, zugleich gebändigte Natur, so als wäre der liebe Gott im Hauptberuf Gärtner.

Das Paddock House, in dem wir essen werden, steht auf einer kleinen Anhöhe außerhalb des Kakteenrings. Deshalb patrouillieren immer ein paar Wächter mit langen Speeren darum herum. Im Inneren verbreiten alte Landkarten, Feldstecher und vergilbte Fotos von Großwildjagden Expeditionsromantik. Wir nehmen auf der Terrasse Platz, der Hausherr stößt dazu, blondes Haar, durchtrainiert, sehr männlich. Neugierig nimmt Zeitz seine Gäste in Augenschein, als könne er es kaum erwarten, in ihren Gesichtern die eigene Begeisterung für diese weite Welt gespiegelt zu sehen.

Wir essen. Vegetarisch. Eine Fülle von köstlicher Rohkost ist auf dem Tisch arrangiert, gedünstetes Gemüse, manches davon entschieden scharf gewürzt. Wir schauen auf den schmalen Fluss, der das Gelände durchfließt und immer wieder durstige Herden von Gazellen, Zebras, sogar Elefanten anzieht. Am Ufer steht auch das Kamelgehege. Zeitz will die Milch der Tiere kommerzialisieren. Weiter weg vom Retreat unterhält er außerdem eine Rinderzucht mit 3.000 Stück Vieh. "Ich bin ein Abenteurer im Kopf", sagt er, "aber kein Fantast."

Mit 19 hat er Afrika das erste Mal bereist. Der Kontinent hat ihn nicht in Ruhe gelassen. Nun ist er angekommen. Allerdings nicht, um sich zur Ruhe zu setzen. Bereits seit 2008 betreibt er die Zeitz Foundation for Intercultural Ecosphere Safety, deren Ziel es ist, langfristig den ökologischen wie sozialen Wandel an verschiedenen Punkten der Welt zu fördern. Tourismus spielt dabei eine wichtige Rolle – und Segera soll ein Musterbeispiel abgeben für das stiftungseigene Konzept der 4 C conservation, community, culture und commerce. Alle Projekte, die die Zeitz Foundation unterstützt, sollen nachhaltig sein, sie sollen in dauerhafter Zusammenarbeit mit den örtlichen Gemeinden entstehen, sie sollen die Kultur der jeweiligen Region zum Ausdruck bringen, aber auch wirtschaftlich funktionieren. Zeitz mag keine Almosen – als Manager wirbt er für "sich selbst tragende Strukturen".