Kaputt, zerschlagen, in Scherben liegt das Königreich. Paulina Schmitts Königreich, das Mauldawien heißt, nach ihr, die auch Maulina genannt wird, weil sich das auf ihren Namen reimt und weil dieses Mädchen die Königin im Maulen ist. "Es war einmal, da hatten wir noch alles", beginnt Maulinas Geschichte. Alles, das sind vier Zimmer im vierten Stock, "die längsten Frühstücke der Welt", "unter jedem Tisch geheime Gemälde von einer jungen Künstlerin (ICH!)", "ein gefräßiger Holzfußboden", "eine Skulptur aus gekauten Kaugummis auf dem Kühlschrank" ... "Das war allesalles meins", sagt Maulina. Bis "es war einmal" zu "das war einmal" wird.

Denn Maulina und ihre Mutter ziehen um, raus aus dem Königreich und rein nach "Plastikhausen", wo es Rampen gibt und Haltegriffe im Bad. "Der Mann", wie Maulina ihren Vater fortan nennt, bleibt zurück. "Das ist überhaupt die größte Gemeinheit, dass der Mann alles kriegt und wir nur ein Plastikhaus in einer Scheißstraße mit lauter Nachbarn, die sogar zu alt sind, um einem noch schwungvoll den Buckel runterzurutschen." Ihre Mutter und sie brauchen doch keine Rampen und Haltegriffe, denkt Maulina. Noch nicht, erfährt sie dann. Denn zur Trennung der Eltern kommt eine schwere Krankheit: Maulinas Mutter wird bald im Rollstuhl sitzen.

Wie ohnmächtig Kinder den Entscheidungen der Erwachsenen ausgeliefert sind, wie viele Fragen unbeantwortet bleiben und welche Wut dabei entsteht: All das kennt Finn-Ole Heinrich. In Maulina verwandelt der 31-Jährige die eigenen Erfahrungen in Literatur und stellt den Konflikten eine unbändig starke Heldin entgegen: ein Kind, das aufbegehrt, das explodiert und wütet, das nicht ohnmächtig sein will, sondern nach Handlungsmöglichkeiten sucht. "Mama im Rollstuhl. Was muss ich lernen, was kann ich tun, wer wird uns helfen (der Mann wohl nicht)?"

Das Wunder dieses Buches ist, dass es bei aller Tragik eine große Leichtigkeit hat, dass man lachen kann, darf und soll. Nachdenkliche, ja poetische Passagen (etwa über die bemerkenswerte Beharrlichkeit der Hummel) wechseln sich mit impulsiven Monologen der Heldin ab: "Zum Glück sinds nur noch siebeneinhalb Jahre, bis ich erwachsen bin und endlich allein entscheiden kann." Dass eine Zehnjährige so differenziert denkt, wie Maulina es tut, und dafür die passenden Worte findet, ist wohl unwahrscheinlich. Finn-Ole Heinrich reizt es schlicht, die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur aufzuweichen. "Kinder müssen nicht alles kapieren", findet er.

Ihm sei klar gewesen, dass Maulina ein harter Stoff sei, sagt Heinrich, dass der "Luftigkeit" brauchen würde. Deshalb lässt er seine Heldin in Agentenmanier Pläne schmieden und bringt Kinderbanden-Action in die Geschichte. Denn Maulina ist ganz sicher, dass man kaputte Königreiche reparieren oder zumindest zurückerobern kann. Immer an ihrer Seite ist ihr Freund Paul, der kein großer Redner ist, aber ein echter Gefährte. Und der so gelbe Zähne hat, dass es "jedes Mal ein kleiner Sonnenaufgang" ist, wenn er lächelt. Liebevoll zeichnet Heinrich seine Figuren. Man spürt, wie sehr er sie mag. Wenn er erzählt, dass es ihn beim Schreiben anrührte, als der schüchterne Paul plötzlich den Mund aufmacht und Gefühle äußert, wirkt es, als spreche er über echte Kinder, auf die er aufpasst.

"Luftigkeit" bekommt das Buch auch, weil Heinrichs Texte eng verwoben sind mit vielen großen und kleinen Bildern der isländischen Illustratorin Rán Flygenring. Mit wenigen Strichen lässt die 25-Jährige Maulina ausflippen, die Mutter traurig-ratlos in die Welt blicken, Kinder grinsen, gähnen, lachen. Mal stehen die Zeichnungen wie Kommentare zwischen, neben, unter dem Text. Mal sind ganze Seiten gefüllt, die selbst kleine Geschichte erzählen, die wie in einem Sachbuch Details aufgreifen (wofür haben Tiere Tasthaare?) oder zum Basteln eines Agenten-Geheimverstecks und zum Kochen von Kakao (hilft gegen großes Maulen!) anleiten.

Text und Bilder sind so eng verzahnt, dass man geradezu vor sich sieht, wie Autor und Illustratorin gemeinsam brüten und die Geschichte wachsen lassen. Tatsächlich haben sich Heinrich und Flygenring in Island getroffen und kennengelernt, doch seitdem läuft alles übers Netz: Heinrich schreibt in seinem Wohnbüro in Hamburg-Wilhelmsburg oder, das häufiger, im Zug. Dann schickt er das Manuskript nach Island oder dorthin, wo die umtriebige Illustratorin gerade herumturnt. Die beginnt zu zeichnen, und dann werden Skizzen und Kommentare über Online-Dropboxen ausgetauscht, bis alles sitzt.

Zum ersten Mal haben Heinrich und Flygenring bei Frerk, du Zwerg! (Bloomsbury 2011) zusammengearbeitet – und wurden dafür direkt mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 in der Sparte Kinderbuch ausgezeichnet. Es war Heinrichs erstes Kinderbuch, zuvor hatte er zwei Erzählbände und einen Roman für junge Erwachsene geschrieben. Diese Stoffe haben meist Jugendliche als Protagonisten, mit Frerk machte Heinrich ein Kind zur Hauptfigur. Er ist ein klein gewachsener Junge, der in der Schule gehänselt wird ("Frerk, du Zwerg!") und zu Hause einem sprachlosen Vater und einer pedantisch-reinlichen Mutter ausgeliefert ist. Bis fünf Zwerge auftauchen, die sein ordentliches Zimmer verwüsten – und sein Leben gleich mit. Es ist eine fantastievolle Erzählung über das Aufbegehren und gegen das Angepasstsein. Und es ist eine Erzählung voller Sprachwitz und Wortspiele, die auch in Maulina wiederkehren.