Um die ganzen Schwierigkeiten dieser Koalitionsverhandlungen zu verstehen, muss man nur wenige Wochen zurückdenken, an einen der dunkelsten Momente der Kanzlerin: jene Minuten des Wahlabends, als für Angela Merkels Union sogar die absolute Mehrheit möglich schien. Merkel wollte das nicht. Die absolute Mehrheit für CDU und CSU, sie hätte zwar die absolute Macht, aber eben auch die absolute Gestaltungsfreiheit bedeutet. Und Merkel ist keine Gestalterin. Sie verwaltet eher, sie reagiert lieber. Deswegen verlaufen die Koalitionsverhandlungen jetzt so ambitionslos.

Am 17. Dezember soll Angela Merkel das dritte Mal zur Kanzlerin gewählt werden. Bis dahin sind es noch lange fünf Wochen, doch schon jetzt schleppen sich die Verhandlungen zwischen Union und SPD dahin; die unzähligen Arbeitsgruppen häufen Ausgabenwünsche und Ideen an; alles wirkt unkoordiniert und eher so, als tagten hier die Unterabteilungen eines mittelgroßen Sportvereins – und nicht die künftigen Regierungspartner der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Die Prügel dafür bekam bislang vor allem die SPD ab, aber zunehmend gerät die Kanzlerin ins Visier der Kritiker. Wie sie das Land zukunftsfähig machen will, ja wie eine moderne CDU-Wirtschaftspolitik aussehen soll, dazu fehlen Merkel die großen Ideen. Die gute Wirtschaftslage habe "den Blick auf die großen zukünftigen Herausforderungen verstellt", kritisiert jetzt sogar der Sachverständigenrat, das Gremium der wichtigsten Ökonomen des Landes. Merkels Wirtschaftspolitik sei "rückwärtsgewandt".

In ihrem Wahlprogramm hatte die Union viele teure sozialpolitische Versprechen gemacht, die alle nicht gegenfinanziert waren. Nun kassiert Merkel eines nach dem anderen, das höhere Kindergeld zum Beispiel oder den Abbau der inflationsbedingten Steuerbelastungen, weil ihre Unterhändler einräumen müssen, was eigentlich alle wussten: Das Geld reicht nicht. Und eine Reformagenda, von der im Wahlkampf viele träumten, ist Illusion. "Warum sollten wir das tun?", fragt ein hochrangiger Christdemokrat. "Damit würden wir doch nur unsere Erfolge der vergangenen acht Jahre infrage stellen."

Für diese Haltung hat die Union am Mittwoch dieser Woche die Quittung erhalten. 531 Seiten umfasst das Jahresgutachten des Sachverständigenrats, das die Professoren der Kanzlerin übergaben. Selten in seiner fünfzigjährigen Geschichte ist der Rat mit einer kommenden Regierung so hart ins Gericht gegangen. Die derzeit diskutierten Maßnahmen würden "die Reformschritte, die Deutschland in den vergangenen Jahren erzielt hat, zunichtemachen".

Harte Worte sind das, und man muss dazu wissen, dass der Sachverständigenrat gerade aus Sicht einer unionsgeführten Regierung nicht irgendein Gremium ist: Im vergangenen Herbst bat Finanzminister Schäuble die Professoren um ein Gutachten darüber, wie das vermeintlich reformmüde Frankreich wirtschaftlich wieder auf Vordermann gebracht werden könne. Dass dieselben Experten nun vor der Reformschwäche der künftigen Bundesregierung warnen, ist eine besondere Pointe dieser Koalitionsverhandlungen.

Bedenklich ist die Unruhe in den eigenen Reihen

Die Verhandlungen moderiert Merkel nur, anstatt sie zu führen. Wenn sie sich überhaupt zu Wort meldet. Sie scheint auf die letzte, entscheidende Verhandlungsrunde zu setzen, in der die drei Parteichefs alle strittigen Fragen auf einmal klären. Damit mag sie die eine oder andere Idee abwehren können. Aber eine schlüssige Zukunftspolitik entsteht daraus nicht.