Die Krux, so könnte man das auch sehen, ist vor allem, dass China die wohl besten Kunsthandwerker hat. Dazu eine Tradition, der zufolge ein Schüler nur durch fortwährendes, oft jahrelanges Kopieren der Werke seines Meisters Vollkommenheit erlangt und erst dann eigenständig schaffen kann. Das gibt einer aktuellen Kopie den zunächst einmal ehrenwerten Charakter einer genialen Replik. Gelangt ein solches Stück Porzellan, eine Jadeschnitzerei, eine Kalligrafie oder Tuschpinselzeichnung in den Handel, etwa in ein Auktionshaus, gibt es Probleme. Oder auch nicht. Denn entweder wird das Werk als Nachahmung angeboten und erzielt dann nicht den Preis, der für das weitaus ältere Original bezahlt würde. Oder es wird als authentisches Kunstwerk offeriert und dementsprechend hoch bewertet. Dann allerdings hat der erfolgreiche Bieter eine Fälschung erworben – trotz aller in dieser Kultur üblichen Wertschätzung der künstlerischen und kunsthandwerklichen Leistung des Plagiators.

Vor gut zehn Jahren, als sich ziemlich plötzlich eine stabile Schicht reicher Sammler auf dem chinesischen Festland etabliert hatte, konzentrierte sich deren Interesse auf die alten westlichen, hauptsächlich europäischen Sammlungen von Diplomaten und Kaufleuten, die von ihren Chinareisen Kunst und Kunsthandwerk mitgebracht hatten. Hier, außer Landes, hatte das verpönte Kulturgut Maos Klassenkampf überdauert.

Die Luft ist nicht raus aus dem Markt, die Hysterie aber schon

Es war jetzt nicht nur die vornehme Aufgabe eines kunstsinnigen Chinesen, diese Stücke wieder ins Land zu holen. Man konnte obendrein auch ziemlich sicher sein, dass es sich dabei um vor vielen Jahrzehnten erworbene und damit originale Objekte handelte. Denn mit dem Boom der Nullerjahre hat sich in China auch rasch eine auf Kopien spezialisierte "Industrie" entwickelt, die mit authentischem Material, zum Beispiel Jade, und speziellem Werkzeug arbeitet. In der seit der Song-Dynastie (960 bis 1279) maßgeblichen Porzellanstadt Jingdezhen wird heute noch nach altem Vorbild geformt, bemalt und in den traditionellen Brennöfen gebrannt.

Mindestens genauso schnell tauchten allerorten Händler und Agenten auf, die sich die Kunstwerke in westlichen Auktionshäusern per Höchstgebot sicherten und in Beijing bei China Guardian versteigern ließen. 2005 eröffnete der Rivale Poly International, Haupteigner ist das chinesische Militär, also ein Staatsbetrieb. Bedarf und Absatz stiegen in Folge gleichermaßen. Viele Objekte wanderten von Auktion zu Besitzer zu Auktion, ihr Preis kletterte kontinuierlich und vor allem rasant; das Ganze glich eher einem Räderwerk als einem Marktplatz, auf dem Sammler oder längerfristig orientierte Investoren im offenen Bietgefecht Preis und Wert bestimmen. Ungefähr 2008 hatte diese rauschhafte, irrationale Preisfindungsmaschine ihren Zenit erreicht.

Ein florierender Markt mit hohem Konkurrenzpotenzial bei stetiger Verknappung des Nachschubs etablierte sich weltweit, und China setzte sich 2011 an die Spitze aller Nationen. 2012 sanken die Umsatzzahlen für alte chinesische Kostbarkeiten, für traditionelle Gemälde und Kalligrafien um etwa ein Viertel auf 10,6 Milliarden Euro, und Amerika war wieder die Nummer eins. In diesem Jahr rechnet man mit einem weiteren Rückgang – die Luft ist nicht raus, die Hysterie schon.

Die Volksrepublik verdient am Kunstimport kräftig mit und ahndet deshalb fantasievolle Methoden zur Umgehung der Einfuhrsteuer besonders streng. Mindestens ein Viertel der Kaufsumme wird fällig, sobald das Stück die Festlandgrenze überquert, das gefällt nicht allen Sammlern, noch weniger den Agenten und Händlern. Ein deutscher Spediteur war 2012 verhaftet worden, weil er angeblich aus Gefälligkeit unterdeklarierte Zollbescheinigungen ausgefertigt hatte. Nach vier Monaten im Gefängnis kam er frei, durfte aber das Land nicht verlassen, erst diesen Mai konnte er ausreisen. Diese drakonischen Maßnahmen, die von den Behörden wohl als Schuss vor den Bug und zur Marktbereinigung eingesetzt wurden – das lukrative Speditionsgeschäft hätte man gern in staatlicher Hand gesehen –, verfehlten ihre Wirkung unter den Kunstimporteuren nicht.

Mittlerweile sind viele durch Schaden klug geworden. Sie hatten zu teuer gekauft, von Investition konnte kaum noch die Rede sein, oder waren auf das Bronzegerät mit der kaiserlichen Anmutung, hergestellt in einer wissenschaftlich und akribisch nach altem Verfahren arbeitenden Gießerei, hereingefallen. Nun wird selektiv gekauft. Und immer noch nur zögerlich bezahlt.