Manche Kunsthändler sind Archäologen. Nicht buchstäblich, wie viele Antikenhändler, sondern im weiteren Sinne: Sie graben verschüttete Schätze aus. Und damit ist hier ausnahmsweise nicht der Schwabinger Kunstfund gemeint. Einige der archäologisch arbeitenden Kunsthändler konnte man in den vergangenen Tagen in München treffen, wo sich die führenden Händler für alte Kunst und Antiquitäten aus Süddeutschland sowie einige erlesene Hinzugereiste auf der Messe Highlights versammelten. Diese für die – auch preisliche – Elite des Gewerbes entwickelte Messe fand dieses Jahr zum ersten Mal in einem extra dafür konstruierten Zelt im Innenhof der Münchner Residenz statt, einem Leichtbau, der aber nicht wie temporäre Architektur anmutete. Auf festem Boden war ein grauer Teppich ausgelegt worden, es gab massiv erscheinende Pfeiler und Wände, dazu Durchblicke und Nischen, in denen etwa die Kunstkammerstücke des Münchner Spezialisten Georg Laue gut ausgeleuchtet lagern durften – aber all das nur für die sechs Tage, die diese gut besuchte Messe dauerte.

Für die Liebhaber der ernsten, weder zu lieblichen noch zu pathetischen Romantik stellte der in München beheimatete Marcus Marschall von der Galerie Daxer & Marschall einige Funde bereit – und bewies damit ganz subtil seine archäologische Meisterschaft. Da ist etwa das dunkle Gemälde eines nächtlichen Vesuv-Ausbruchs, das Johan Christian Dahl am 16. August 1820 von der Terrasse der Villa Quisisana aus malte. Der in Dresden beheimatete Norweger Dahl verbrachte auf Einladung des dänischen Kronprinzen Christian Frederik einige Monate in dessen Villa; das Gemälde mit dem Blick über den Golf von Neapel muss an einem der ersten Abende dort entstanden sein.

Es ist eine Freude, dieses Gemälde genau zu studieren, die Feinmalerei der Bäume im Vordergrund, die realistisch und kalt gemalte Mauer, und dann der diesige, in der Tiefe unscharf werdende Blick auf das Meer, den Himmel und den grauschwarzen Vulkan, der nur durch die winzigen, aber feurig strahlenden Leuchtspuren der Lavabomben und Lavaströme kontrastiert wird. Das Bild hatte der Kunsthändler Marschall auf einer Auktion gefunden, er hat es lange untersucht, bevor er es schließlich kaufte. Denn den Zauber Dahls konnte man auf dem Gemälde, das seit dem 19. Jahrhundert durch eine Reihe von Sammlerhänden gegangen war, nur noch erahnen. Der Archäologe Marschall musste den Dahl erst wieder freilegen lassen. Zwar nicht von Erdmassen, dafür aber von Farbschichten, mit denen irgendwelche wohlmeinenden, aber ahnungslosen Restauratoren den protoimpressionistisch anmutenden Nachthimmel vor vielen Jahrzehnten zugedeckt hatten. Marschall hat das Gemälde dem langjährigen Restaurator seines Vertrauens übergeben, der einige Retuschen mühsam abgetragen hat. Nun ist das 20,5 mal 30,5 Zentimeter große Gemälde einiges mehr wert als der Auktionshausfund von damals, es kostet 120 000 Euro. (Beim Auktionshaus Lempertz in Köln wurde dieses Jahr von Dahl ein anderer, hellerer Blick auf den Vesuv mit stark wogendem Meer für gut 200 000 Euro inklusive Aufpreis versteigert.)

Spezialisiert ist Marschall auch auf das Ausgraben von atmosphärischen Wolkenbildern. Auf der Münchner Messe hatte er etwa eine Wolkenstudie von Johann Gottfried Steffan (1815 bis 1905) hängen, die laut Auskunft nach 1860 entstanden sein muss. Die unteren Ecken des kleinen Bildes besetzen links dunkelgrüne Baumkronen und rechts ein sehr plan und nur andeutend gemaltes, dadurch fast schon abstrahiert wirkendes Bergmassiv. Steffans Interesse galt ganz eindeutig nur den Wolkenbergen, die sich über der alpinen Landschaft vor einem noch hellblauen Abendhimmel aufbauen. Pastos – aber nicht zu stark – quellen die Wolken da in allerlei Farbnuancen zu einem imponierenden Gebilde, weiß und hellgrau, dunkelgrau und aprikosenfarben.

Der Schweizer Steffan war 1933 zum Studieren nach München gekommen, hatte sich an Carl Rottmann orientiert und in seinem Atelier auch viele allzu perfekte Landschaften geschaffen. Für die freie Wolkenstudie, die ursprünglich aus dem Nachlass Steffans stammt, verlangt Marschall nun lediglich 14 000 Euro.

Noch im vergangenen Jahr hatte die Messe Highlights ihren Standort im unweit gelegenen Haus der Kunst. Eine Auflage der Gastgeber verbot damals, dass auf dieser Messe Kunst, die nach 1950 entstanden war, gezeigt wurde. Dieses Jahr nun fand man neben Antiken (Cahn, Basel), bunten Stickereien aus dem alten Turkmenistan (Bausback, Mannheim), Meissner Tabatieren (Röbbig, München) und Menzel-Zeichnungen (bei Moeller & Cie aus Hamburg) auch viel Kunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Heinz Mack durfte den Stand der Galerie Beck & Eggeling aus Düsseldorf mit Installationen bespielen, die Münchner Fotogalerie F 5,6 zeigte eine Auswahl der ins Abstrakte spielenden Farbfotografien von Saul Leiter – am liebsten hätte man sie komplett mitgenommen. Zum Mitnehmen schön war auch jenes recht frühe Gemälde von Konrad Klapheck, das die Galerie der drei Gebrüder Schlichtenmaier aus Grafenau bei Stuttgart dabeihatte: Ein gelber, in Manier von Fernand Leger gemalter Schlauch – oder ist es doch ein Rohr? – legt sich in einer eleganten Schlaufe um einen anderen, geringelten Schlauch, der ebenso gut zu einer Dusche wie zu einem Staubsauger gehören könnte. Die Macht der Liebe hat Klapheck diese Verschlingung 1961 genannt, 280.000 Euro soll sie jetzt kosten.

Verschlungen sind auch die Wege der Münchner Messen in den vergangenen Jahren gewesen. Die Messe mit dem gewöhnungsbedürftig bleibenden Namen Highlights hat sich im vierten Jahr unter ihrem Geschäftsführer Konrad Bernheimer als elegante, überschaubare Luxusboutique des Kunsthandels etabliert. Anders sieht es mit zwei weiteren Messen in München aus: die aus der einstigen Kunstmesse München hervorgegangene Messe im Postpalast, die vor vier Wochen unter Besucherschwund zu leiden hatte, und die Abspaltung mit dem noch weitaus gewöhnungsbedürftigeren Titel Art Classix, die jetzt parallel zur Highlights mit 29 Ausstellern im Haus der Kunst stattfand. Beide werden sich wohl in Zukunft nur dann gut behaupten können, wenn die Macht der Liebe sie wieder zusammenführt. Und zwar am besten zu jenem Termin im November 2014, an dem auch die starke Messe Highlights die Sammler wieder in die ebenfalls überschaubare, elegante und teure Münchner Innenstadt zieht.