Es ist ein Bild wie unter einer hauchzarten Wachsschicht, transparent und fahl; die Pinselstriche zerfließen im feinen Dunst. Je länger man sich hineinversenkt, desto mehr bewundert man die raffinierte Malmethode und fragt sich, wie Christian Rohlfs es bloß gemacht hat. In den späten Zwanzigern und den Dreißigern traktierte er seine Papierarbeiten oft im Wasserbad mit dem Schwamm oder sogar mit der Drahtbürste, um die Farbschichten bis zur größtmöglichen Feinheit abzutragen. So entsteht ein ganz eigentümlicher, verwitterter Eindruck. Im Jahr 1932, als er die Canna indica in Wassertempera-Technik malte, war Rohlfs 83 Jahre alt. Ein alter, aber noch keineswegs müder Ritter der Avantgarde, der sich bereits durch fast alle Stile der Moderne gemalt hatte. Als Student in Weimar orientierte er sich an den französischen Freiluftmalern der Barbizon-Schule, später saugte er begierig den Pointilismus auf oder jagte unter dem Van-Gogh-Schock entfesselte Farbströme über die Leinwand. Die Konturen Hodlers, die expressiven Menschenbilder Munchs, die fleckigen Strukturen Cézannes, die auch dreißig Jahre später im Hintergrund der Canna noch anklingen: Rohlfs naschte überall, von den wilden Brücke-Malern, von Nolde, von Kandinsky oder Feininger.

Der Kritiker Paul Westheim ätzte 1918: "Rohlfs nimmt auf, aber nicht an. Rohlfs ist verbohrt wie nur der Dilettant, ist ausschweifend bis zur Tapete und ist wiederum überwältigend kühn wie ganz allein das Genie." Ja, es stimmt, Rohlfs mag nicht wirklich etwas erfunden haben, aber er war ein großartiger Maler. Seine Bilder haben eine inneres Glühen; alles ist so dicht, als ob es gleich implodierte. Die Düsseldorfer Galerie Ludorff zeigt derzeit eine ganze Ausstellung von Rohlfs Papierarbeiten aus den Zwanzigern und Dreißigern (bis 11. Januar). Sie kosten zwischen 46.500 und 245.000 Euro. Für die Darstellung der Canna, auch indisches Blumenrohr genannt, muss man 175.000 Euro anlegen. Das ist viel Geld, aber nicht zu viel für dieses Meisterwerk. Rohlfs stand im Kunstmarkt lange im Schatten der Brücke und des Blauen Reiters. Heute weiß man seinen eigentümlich schwankenden, aber immer intensiven Expressionismus besser zu schätzen. Die Preise werden weiter steigen.