Für eine interkulturelle Ehe haben René und Katharina gute Startchancen, da geringe Verständigungsprobleme. René hat Germanistik studiert und arbeitet als Korrespondent für eine Zeitung in Berlin; Katharina ist als Juristin in der deutschen Dependance der EU beschäftigt. Aber gerade weil sich beide auf geschliffene Argumente verstehen, gibt es manchmal Streit um das letzte Wort. Einmal kommen sie zu spät zu einer Feier bei Katharinas Eltern. Schuld ist Katharina, sie probierte noch verschiedene Outfits an, während René schon mit dem Autoschlüssel klimperte. Der Vater begrüßt die beiden jovial: "Ein Fall von gallischer Pünktlichkeit!" René spricht den ganzen Abend kaum ein Wort und sagt auf dem Heimweg, künftig müsse Katharina ihre Eltern allein besuchen.

Wolfgang Schmidbauer: Renés Reaktion ist ein Hinweis darauf, wie sich Verletzlichkeiten auf jedem sozialen und intellektuellen Niveau neu organisieren. Ein Nadelstich in eine Schuhsohle wirkt anders als der in einen Luftballon. Gerade weil René absolut pünktlich ist und jede Rechnung sofort bezahlt, fühlt er sich entwertet, wenn er einem der Vorurteile begegnet, mit dem sich deutsche Sekundärtugend gegenüber mediterraner Schlamperei behaupten möchte. Katharina hätte ihren Mann sofort verteidigen müssen. Indem sie schweigt, wird sie zur Komplizin des Vaters, der seine Vorurteile mit tückischer Ironie verschleiert. Er hat ja nur einen Scherz gemacht! Humor ist zwar das beste Mittel, um kulturelle Differenzen zu überbrücken. Aber jede Brücke braucht zwei Köpfe.