Nach etwa zehn Minuten an diesem Kölner Cafétisch ist das eingetreten, was die vielen, die Christine Westermann als kluge und herzensgute Frau schätzen, vorausgesagt haben: Sie ist einem wirklich sympathisch.

In den Kennenlernminuten hat Christine Westermann oft die Augenbrauen hochgezogen und ihre als schön zu bezeichnenden, braunen Augen geweitet: Sie möchte Erstaunen demonstrieren, und tatsächlich ist sie oft erstaunt und überrascht. Sie hat, was wirklich auffällt, kaum gelacht, sondern lieber einen ernsten, abwartenden Gesichtsausdruck aufgesetzt: Das macht sie gut (es wirkt einfach angenehm, wenn jemand einmal nicht durch ständiges Lächeln und Gelächter Zustimmung zu erheischen versucht). Sie musste sich die extrem oberflächliche Frage nach ihrem mit einem bunten Blümchenwiesenmuster bedruckten Oberteil gefallen lassen ("Das ist ein T-Shirt-Kleid. Und das ist ideal für mich, weil ich ein bisschen zu dick bin"). Und sie musste die ebenfalls oberflächliche, aber sich tiefsinnig gebende Frage nach einem Satz in ihrem neuen Buch beantworten: "Das Auffälligste an mir war und ist, dass ich normal bin." Was soll das bedeuten? Was, bitte, ist normal, Frau Westermann? "Für eine Fernsehfrau", erklärt sie, "bin ich normal geblieben. Geerdet. Ich bin keine Wichtigtuerin. Ich kokettiere nicht." Tatsächlich: Sie kokettiert wahrscheinlich wirklich nicht.

Sie kann ein unendlich trauriges und zugleich freundliches Gesicht machen

Christine Westermann, knapp 64, bald 65 Jahre alt, die Fernsehfrau, Radiomoderatorin, Bestsellerautorin. Deutschlandweit ist sie für ihre Talkshow Zimmer frei! bekannt (seit nun 18 Jahren kocht, spielt und plaudert sie mit ihrem Co-Moderator Götz Alsmann und ihren Gästen), in Köln und Nordrhein-Westfalen genießt sie den Status einer Art Mutter der Nation. Jetzt erscheint Westermanns neues Buch mit dem hammerharten Titel Da geht noch was – Mit 65 in die Kurve (Kiepenheuer & Witsch, 17,99 €). Ihr Verlag rechnet fest damit, dass es in der Mitte der Bestsellerliste einsteigen und dann schnell auf einen Spitzenplatz klettern wird. Kleine Typologie Christine Westermann: Sie trägt den praktischen, rotbraun gefärbten Kurzhaarschnitt, den die deutsche Frau um die 65 so gern trägt. Sie ist schlicht, aber nicht dumm. Sie spricht von sich gerne in der dritten Person ("Mensch, Westermann", "Also, Westermann"). Ihr Charme ist das Nicht-Überdrehte, Vorsichtige, Abwartende. Ihr Trick ist, dass sie gleichzeitig ein freundliches und trauriges Gesicht machen kann – Christine Westermann ist also gewissermaßen das Melodram in Person (vielleicht ist das schon ihr ganzes Geheimnis: Wer traut sich denn noch im Fernsehen, nicht brüllend lustig zu sein?). Wenn sie in der letzten Folge von Zimmer frei! die Schlagersängerin Kim Fisher fragt: "Kann man eigentlich vom Essen auf Menschen schließen?", und dabei guckt, als wollte sie sagen: "Entschuldige, dass wir hier so einen Käse miteinander reden müssen" – das ist nicht schlecht.

Das eigentlich Interessante an Frau Westermann ist aber nicht ihre Popularität als Fernsehfrau und Buchautorin, sondern eine Bedeutung, die sie sich in den letzten zehn Jahren erarbeitet hat: Christine Westermann empfiehlt Bücher im Radio (jeden Sonntagvormittag auf WDR 2, einmal monatlich in einer ausführlicheren Büchersendung auf WDR 5) und im Fernsehen: In der WDR-Sendung FrauTV stellt sie im Zwiegespräch mit der Moderatorin Lisa Ortgies innerhalb von fünf Minuten zwei Bücher vor. Anders als andere wichtige Kulturjournalisten, deren Namen einem aus gutem Grund nicht sofort einfallen (Wolfgang Herles und seine ZDF-Sendung Das Blaue Sofa), kann Westermann dafür sorgen, dass ein Buch Aufmerksamkeit erhält, dass es in Buchhandlungen ausliegt und in die Hände von Lesern und Leserinnen gerät. Konkret heißt das, diese Buchempfehlerin hat etwas, was das Literarische Quartett nur in seinen Anfangsjahren hatte, was Elke Heidenreich mit Lesen! für kurze Zeit nachgesagt wurde und wovon der gemeine Kritiker in den großen Feuilletonredaktionen oft nur träumen kann: Sie hat Wirkung, sie kann Auflage machen. Christine Westermann ist, wenn der Titel heutzutage noch zu vergeben ist, die Bestsellermacherin der Nation.

Sie spricht gerne kleine, stille, nicht weiter aufregende Worte. Sie ist, wenn man diese angeblich so wichtige und einflussreiche Auflagenmacherin in diesem Kölner Café anguckt, gleich wieder damit beschäftigt, eher arm und mittellos zu wirken. Diese oberanstrengende Bescheidenheitsnummer! Das überrasche sie selber am meisten, so Frau Westermann, dass ihre Buchempfehlungen diese Wirkungen entfalteten, ja, sie halte es für einen irren Zufall, dass sie überhaupt in diesem Beruf gelandet sei. 2001 hatte sie eine WDR-2-Redakteurin angesprochen und gesagt: "Versuch das doch mal mit den Buchempfehlungen, ich glaube, das kannst du gut." Der Dialog, das Gespräch, so stellte sich heraus, war die Form, in der Westermanns Art des Über-Bücher-Sprechens am besten funktioniert. Weil sie keine Ahnung hatte, wie eine Kritikerin zu ihren Büchern kommt, setzte sie sich mit zehn Büchern, die ihr interessant vorkamen, in die Leseinseln einer großen Buchhandlung und fing an zu lesen. Derzeit sind es monatlich etwa 50 Bücher, die ihr von den Verlagen zugeschickt werden: "Ich fliege über die ersten 20 Seiten, und wenn die mich reinziehen, lese ich weiter."