Zunächst ist da Hund, der die Straße entlangschlendert, wie man das eben manchmal so tut. Und da klebt plötzlich ein platt gefahrenes Kaninchen auf dem Asphalt. "Hast du das gesehen?", fragt Ratte, die gerade des Weges kommt. Beide wundern sich. "Was es da wohl macht?", fragt Hund. "Das kann nicht schön sein, so da zu liegen", erwidert Ratte. Sie beschließen, das Kaninchen wegzubringen. Aber wohin?

Tod und Beerdigungen sind Themen, die in den vergangenen Jahren verstärkt Einzug ins Bilderbuch gehalten haben. Dass sie nicht unbedingt traurig und schwer sein müssen, zeigt auch der junge, von den Färöer-Inseln stammende und heute in Kopenhagen lebende Autor und Illustrator Bárður Oskarsson in seinem Bilderbuch Das platte Kaninchen. Es erzählt von einer höchst ungewöhnlichen Beerdigung.

Erst mal bleibt das platte Tier aber auf der Straße kleben, während Hund und Ratte in den Park gehen, um zu überlegen. Von Beerdigung, also der logischen moralischen Konsequenz aus Erwachsenensicht, ist nicht die Rede. Die Idee, die entsteht, ist eine weitaus kreativere, eine, die aus Kinderköpfen stammen könnte. Oskarsson hat offenbar sehr genau beobachtet, wie Kinder ihrem Gefühl folgen, und die Tiergestalten seiner Geschichte leben davon. Sie verhalten sich wie Kinder – also wie die Leser oder Betrachter dieses Buches.

Im Park lässt ein gelbes Kaninchen einen Drachen steigen. Dass den Hund diese Szene auf die zündende Idee bringt, wird erst viel später klar. Ohne Erklärung gehen Ratte und Hund zurück und schälen vorsichtig das Kaninchen vom Asphalt. Fast körperlich kann man spüren, wie groß die Angst der Tiere ist, das Kaninchen dabei zu zerbrechen, so herrlich plastisch ist der Vorgang ins Bild gesetzt.

Die Texte sind sparsam und geben den zarten Illustrationen genügend Raum. Oskarsson, als Künstler Autodidakt, nutzt Pastelltöne – angeblich aus dem Tuschkasten seiner Kinder. Mit schwarzen Linien setzt er zusätzliche Details: Der Hund verdreht beim Nachdenken die Augen, der Ratte zittern beim Aufheben des Kaninchens vor Anstrengung die Schnurrbarthaare. Die Plattheit des Kaninchens wird durch geschickten Perspektivwechsel betont: Mal sieht man es von der Seite, mal aus der Vogelperspektive. So von oben wirkt es besonders überfahren. Oskarsson lag daran, die Technik seines Buches so einfach wie möglich zu halten. Die Geschichte samt Bildern entstand in nur einer Woche. Vielleicht ist das der Grund für die große Frische und Direktheit, die von diesem Buch ausgeht, besonders lebt es aber von den beiden Protagonisten.

Nach durchgearbeiteter Nacht präsentieren Hund und Ratte stolz ihr Ergebnis: einen altmodisch anmutenden Papierdrachen. An dessen Holzkreuz haben die beiden den Leichnam des Kaninchens mit Klebeband befestigt. Und doch wirkt das Ganze nicht makaber. Im Gegenteil: Die Tiere gewinnen der traurigen Situation etwas Heiteres ab. Gleichzeitig bewahren die Bilder eine gewisse Melancholie.

Ohne dass es so genannt wird, erhält das Kaninchen also eine Bestattung in der Luft. Man könnte darin ein Bild der aufsteigenden Seele in christlicher Tradition sehen. Doch Oskarsson lässt die Interpretation offen. Mit seinem Schlussbild entführt er seine Leser auf eine Reise über die Stadt. Mit dem fliegenden Kaninchen schweben wir über die geometrischen Dächer und schnurgeraden Straßen sowie über einen aus einer einzigen ununterbrochenen Linie gezeichneten Vogel. Oskarssons zeichnerisches Können kommt hier noch einmal besonders zum Ausdruck.

Das platte Kaninchen ist ein wunderbar leichtes, heiteres und fast philosophisches Buch zu einem Thema, das erwachsene Leser und Vorleser eher mit Schwere und Trauer verbinden. Oskarsson adaptiert dafür die unverkrampfte Haltung und den Blickwinkel seiner kindlichen Leser gegenüber dem Sterben. Er stellt sich damit an die Seite von Büchern wie Die besten Beerdigungen der Welt von Ulf Nilsson und Eva Eriksson. Den "besten Beerdigungen" muss man nun allerdings eine weitere hinzufügen: Luftbestattung am Kinderdrachen.