Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Ich versuche jetzt also, auf Französisch zu schreiben. Es wird ein einfaches, total verkommenes Französisch sein, falls man das so ausdrückt. Aber meine unbeholfenen Worte kommen aus den tiefsten Tiefen eines Typs mit frankophiler Seele.

Ich bin ein typischer deutscher Frankophiler, geboren am Ufer des Rheins. Ich habe schon Chansons von Georges Brassens gehört, bevor ich laufen lernte. Mit zwölf bewunderte ich François Villon und Croque Monsieur. Mit 19 Jahren habe ich die Troubadours gelesen, Lieder und Gedichte von Chrétien de Troyes, in denen die Unmöglichkeit wahrer Liebe gefeiert wird.

Ah, der Rhein. Dieser Fluss, Freunde, hat einst so viel Unfrieden zwischen unseren Völkern verursacht. Ein schöner Fluss mit Fischen, mit Enten, jedes Volk will ihn besitzen, ist doch klar. Doch die Flüsse sind wie die Frauen. Man soll, wie Chrétien de Troyes es gesagt hat, ihre Schönheit bewundern, man muss ihre Reinheit verteidigen, man darf sogar den Anblick ihrer Biegungen genießen, aber niemals sollte man versuchen, sie zu besitzen.

Frankreich war für mich das Land der Freiheit, der Liebe und der Lebensfreude. 1975 habe ich eine Stelle als Deutsch-Assistent bekommen, eine Art Hilfslehrer, im Departement Nord, nicht weit von der Stadt Lille. Wir jungen Leute dachten damals ein bisschen revolutionär. In Frankreich gab es sogar Kommunisten. In Westdeutschland sind echte Kommunisten damals so selten gewesen wie Kokospalmen. In meiner französischen Schule aber herrschte eine strenge Disziplin, wie ich sie bis dahin nur aus Geschichtsbüchern kannte, Deutschland 1913, Wilhelm zwo. Die Schüler der Abiturklasse stellten sich vor dem Unterricht in Zweierreihen schweigend vor dem Saal auf und warteten auf den Lehrer. Sie redeten nur, wenn der Lehrer, ich, sie etwas fragte. Es gab niemals Diskussionen. In meinem deutschen Gymnasium hatte die permanente Revolution geherrscht.

Die meisten Lehrer waren tatsächlich Kommunisten. Sie verabscheuten mich, wegen des Krieges. Ich sagte: "Genossen, ich war gegen den Krieg, seit 1933 war ich im Widerstand. Ich habe mich sogar geweigert, geboren zu werden, bevor der Faschismus endlich besiegt ist."

Ich wollte mich an der Uni einschreiben. Das war meine erste Begegnung mit eurer Bürokratie. Ich bin sicher, man hätte damals in Deutschland unkomplizierter eine offizielle Genehmigung zum Kauf einer chinesischen Atombombe bekommen als in Frankreich eine Immatrikulation für diese Universität. Die Franzosen verehrten Formulare und Genehmigungen zehn Mal mehr als den Rotwein und tausend Mal mehr als ihre Baguettes. Es war wie bei unserem Kaiser Wilhelm. Die Schüler warfen während meiner Stunden Stühle nach mir. Ich war zu schwach. Keine pädagogische Force de Frappe. Und die Liebe? Dazu nur so viel: Es war wie unter Kaiser Wilhelm.

Hier meine Theorie über die deutsch-französischen Beziehungen. Das heutige Deutschland entspricht genau den Vorstellungen, die frankophile Deutsche – und das sind wir fast alle – sich von Frankreich machen. Es ist ein ziemlich permissives Land mit einer teils lockeren, teils verwirrten Bürokratie, mit Hierarchien, die keiner ernst nimmt, Chaos im Alltag, mit Chansonniers, Kommunisten und viel Rotwein überall. Frankreich aber ist so, wie Deutschland früher war, traditionsverhaftet, streng, stolz und schnell beleidigt. Überall Regeln. Fremdsprachen: schwach. Wir haben, unter den Völkern, einfach die Plätze getauscht. Wir sind die neuen Franzosen. Ihr seid die neuen Deutschen. Es lebe die Frankophilie.