Es ist der 21. Januar 2013, es schneit in Berlin. François Hollande und Angela Merkel feiern gemeinsam das 50. Jubiläum des Élysée-Vertrags, mit dem die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich 1963 schriftlich besiegelt wurde. In langen schwarzen Mänteln laufen sie einige Schritte in Richtung Lutter & Wegner, des historischen Gasthauses am Gendarmenmarkt. Weiße Tischdecken, gedämpftes Licht – das Ambiente eignet sich zur Entspannung. Während sich die Entourage um die Garderobe kümmert, nimmt Angela Merkel François Hollande zur Seite und schlägt vor: "Da wir uns nun besser kennen, könnten wir uns duzen." Erfreut willigt Hollande ein: "Natürlich, Angela." Anschließend, so berichten später einige Anwesende, diskutieren die beiden über Mali. "Wir können nicht militärisch eingreifen, aber was brauchst du?", fragt Merkel. "Tankflugzeuge", antwortet Hollande. Die Kanzlerin wendet sich umgehend an ihre Berater, um zu besprechen, welche Mittel man Frankreich zur Verfügung stellen könne.

Anschließend unterhalten sich die beiden über ihre internationalen Partner. Merkel hat Talent darin, ihrem Gesprächspartner ein Gefühl der Vertrautheit zu vermitteln, indem sie sich über Abwesende lustig macht. Mitarbeiter aus dem Élysée berichten, dass Merkel schon unter Sarkozy gern die europäische Führungselite durchgegangen ist – von der Feigheit des Präsidenten des Europarats, Herman Van Rompuy, war die Rede, von ihrer Abneigung gegenüber dem Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, und vom Scheitern des früheren EU-Kommissars Mario Monti. Einzig Polens Premierminister Donald Tusk scheint in ihren Augen Gnade zu finden. An diesem Abend im Lutter & Wegner geht es um Wladimir Putin. "Wenn alles in Ordnung ist, spricht er russisch mit mir. Doch wenn es ein Problem gibt, spricht er deutsch und flüstert mir ins Ohr: Alles gut, Angela?", fasst einer von Hollandes Beratern die Anekdote später zusammen. Merkel, die fließend Russisch spricht, habe dabei den Tonfall eines KGB-Agenten imitiert. Die Runde sei in lautes Gelächter ausgebrochen.

Man verabschiedet sich gut gelaunt. Die Berater beglückwünschen sich: In der Kälte des Berliner Winters scheint sich die deutsch-französische Beziehung etwas zu erwärmen. Wenn es schon keine leidenschaftliche Liebe ist, kann das Duo zumindest als Team funktionieren. Das deutsch-französische Paar ist das Herzstück des europäischen Hauses, an dieser Tatsache kommt keiner der beiden Staatschefs vorbei. Auch wenn sich ihre politischen Überzeugungen unterscheiden, müssen sie sich doch verstehen. Frankreich ist in Wirtschaft und Politik der wichtigste Partner für Deutschland. Keine anderen europäischen Staatschefs verbringen so viel Zeit miteinander wie Merkel und Hollande. Der erste Auslandsbesuch eines neu gewählten französischen Präsidenten hat ihn nach Deutschland zu führen – dieses Ritual wiederholt sich nach jedem Machtwechsel. Ebenso absolviert jeder frisch ins Amt gehobene deutsche Kanzler seinen ersten Staatsbesuch in Paris.

Die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ist von sehr unterschiedlichen Männern und Frauen geprägt. François Mitterrand und Helmut Kohl hat die Erfahrung des Krieges miteinander verbunden: Der französische Präsident erzählte oft von seiner Gefangenschaft in Deutschland, der deutsche Kanzler trauerte um seinen im Krieg gefallenen Bruder. Valéry Giscard d’Estaing erinnert sich noch heute an seine erste Begegnung mit Helmut Schmidt, dem er Ende der sechziger Jahre bei einem Empfang des Unternehmers Jean Monnet begegnet ist – in einer Wolke aus Zigarettenqualm. Jacques Chiracs Sympathie für den Sozialdemokraten Gerhard Schröder ging so weit, dass er sich regelmäßig bei dessen Frau Doris nach dem Befinden des Adoptivkindes erkundigte. Schröder und Chirac verbrachten lange Abende damit, die Welt neu zu erfinden und dabei riesige Meeresfrüchte-Platten zu verschlingen und viel Bier zu trinken. "Ein Paar muss auch miteinander ins Bett gehen", hat Chirac einmal in Bezug auf das deutsch-französische Verhältnis gesagt.

Zwischen Hollande und Merkel spürt man nichts von diesem Knistern. Sie repräsentieren eine neue Generation, die den Krieg zwischen den beiden Ländern nicht erlebt hat und die jegliche Betroffenheit den drängenden Problemen der Gegenwart unterordnet. Zwischen den beiden gibt es keine Liebe. Nicht mal eine Hassliebe, wie sie zwischen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy bestand. Der französische Staatschef neckte die Kanzlerin regelmäßig wegen ihrer angeblichen Langsamkeit, ihres grenzenlosen Appetits auf Käse und ihrer Weigerung, Sport zu treiben. Nichts von dieser familiären Art des Umgangs findet sich bei Hollande und Merkel. Sie hat seine Lebensgefährtin Valérie Trierweiler noch immer nicht kennengelernt, er hat ihren Ehemann Joachim Sauer bis heute nicht getroffen.

Im vergangenen Winter lud Merkel den englischen Premier David Cameron dazu ein, ein Wochenende im brandenburgischen Meseberg zu verbringen. Hollande ist noch nie zu so einer Landpartie gebeten worden. Als die Kanzlerin ihn bei ihrer ersten Begegnung fragte, ob er sie zu den Bayreuther Festspielen begleiten wolle, lehnte der französische Präsident ab: Er wolle mitten in der Euro-Krise nicht im Smoking auf einem Opernfestival erscheinen. "Die Stabilität unserer Beziehung, nicht die Intimität hat für uns zentrale Bedeutung", sagt er im Gespräch mit Le Monde, das Mitte Oktober in seinem Regierungssitz stattfindet.