Schön hier. Und so geschichtsträchtig, dieses Haus Nummer 17 an Berlins Prachtallee Unter den Linden. Schon früher wurden von hier aus Botschaften über die Welt von morgen verbreitet. Solange noch eine Mauer die Stadt teilte, befand sich hier die Volksbuchhandlung Das sowjetische Buch. Ihre thematischen Schwerpunkte waren "der hohe Stand der Technik im Lande Lenins", wie es der Leiter der Buchhandlung einmal ausdrückte, und natürlich der Siegeszug des Sozialismus. Bis die Mauer fiel und sich der bevorstehende Sieg in eine globale Niederlage verwandelte.

Jetzt hat Microsoft das Haus Nummer 17 bezogen. Microsoft ist einer der größten Konzerne der Welt und ganz anders als ein sowjetischer Buchladen. Dennoch haben beide mehr als nur die Adresse miteinander gemein. Im nun Microsoft Center getauften Gebäude wird erneut der hohe Stand der Technik besungen – diesmal allerdings stammt sie aus dem Lande des Firmengründers Bill Gates. Auch ein Siegeszug wird propagiert, der von Microsoft nämlich. Und es existiert sogar eine Art Mauer, die das Softwareimperium umgibt und schützt.

Fragt sich bloß, wie lange noch. Und ob dem US-Konzern aus Redmond womöglich dasselbe Schicksal bevorsteht wie der sowjetischen Buchhandlung. Denn Microsofts Führer sind schwach. Die glorreiche Zeit von Bill Gates ist lange vorbei, und Vorstandschef Steve Ballmer wird spätestens im nächsten Jahr zurücktreten. Sein Nachfolger? Wird gesucht. "Wer der Neue auch immer sein wird", sagt ein hochrangiger Microsoft-Manager bei einem informellen Gespräch, "er wird für uns noch wichtiger, als es Bill Gates und Steve Ballmer je gewesen sind."

So sieht es aus im Reich von Word und Windows: Attackiert von Konkurrenten wie Apple und Google, will Microsoft mit aller Macht den eigenen Neustart erzwingen. Nicht nur Führungsspitze, sondern auch Geschäftsmodell und Firmenphilosophie werden modernisiert – und zwar gleichzeitig. Microsoft steht vor dem größten Update seiner Geschichte.

Im Innern des Konzerns ist die Hoffnung groß, die Stimmung aber mäßig. Dem in den USA populären Bewertungsportal Glassdoor zufolge steht nicht einmal die Hälfte der Belegschaft noch hinter ihrem aktuellen Vorstandschef. Für einen Chief Executive Officer eines amerikanischen Großkonzerns ist das ein außergewöhnlich schlechter Wert. Schon die Aussicht auf Ballmers Abgang versetzte die Börse in Feierlaune. Als die Nachricht bekannt wurde, schnellte der Kurs der Microsoft-Aktie um sieben Prozent nach oben. Umgerechnet bedeutet das: Gut 20 Milliarden Dollar war sein künftiger Abschied wert – fast so viel wie der Nettogewinn des Konzerns in einem ganzen Jahr. Und während Microsoft in Berlin mit großem Tamtam eine Repräsentanz in bester Lage eröffnet, droht den Büros in Hamburg, Böblingen und Bad Homburg die Schließung. Etliche der rund 420 Mitarbeiter fürchten nun, zwangsweise von zu Hause aus arbeiten oder an andere Standorte umziehen zu müssen – oder gekündigt zu werden. Microsoft bezeichnet die Schließungen als eine strategische Entscheidung.

In der ehemaligen Volksbuchhandlung in Berlin herrscht hingegen heile Welt. Hier soll ein Ort der Zukunft entstehen, die deutsche Hauptstadt zur "neuen Microsoft-Drehscheibe" in Europa werden. Ballmer, der 14 seiner 57 Lebensjahre an der Spitze von Microsoft verbracht hat, war Stargast auf der Eröffnungsparty in der vergangenen Woche. Als Chef dürfte es sein letzter Auftritt in Deutschland gewesen sein. Ein letztes Mal versucht er hier, dem Konzern so etwas wie eine Perspektive zu vermitteln.

Vor Hunderten Gästen spricht ein noch immer energiegeladener Manager über junge Unternehmen, das nächste große Ding und Berlin als Brutstätte digitaler Ideen. Und natürlich über Microsoft. "Wir leben in einer wilden Zeit", sagt er. Ballmer spricht selten leise, oft laut, teils ernst, teils witzig, er sagt oft great und dass Microsoft den Menschen helfe, "ihr volles Potenzial umzusetzen". So Dinge halt. Und obwohl Ballmer der Mann einer ausgehenden Epoche ist, hört man ihm immer noch zu. Es wird schließlich nicht mehr oft Gelegenheit dazu geben.

Auf einer Bühne beendet der Milliardär sein Lebenswerk – und weint

Außerdem ist Ballmer immer für Überraschungen gut. Unvergessen ist beispielsweise sein Auftritt aus dem Jahr 2006, bei dem er eine Minute lang brüllend über die Bühne tobte wie ein Orang-Utan nach einer Überdosis Red Bull, um so die Liebe zu seinem Arbeitgeber auszudrücken. Oder, ganz anders, als er sich im vergangenen September in der Seattle Key Arena an mehr als 10 000 seiner Mitarbeiter wandte. "Microsoft war wie ein viertes Kind für mich", sagt der dreifache Vater leise, das Gesicht nass von Schweiß und Tränen. Und als sich Ballmer schließlich mit zitternden Lippen das Lied I Had the Time of My Life aus dem Film Dirty Dancing wünscht, "einen Song, der ganz zum Schluss des Films gespielt wurde", da bricht ihm bei den letzten Silben die Stimme weg. Da steht er nun. Ein Hüne in Bundfaltenhose. Angeblich der erste Mensch, der es als Angestellter zum Milliardär brachte. Er beendet sein Lebenswerk. Allein. Und weint.