In Münster schwelt ein Glaubensstreit unter Muslimen. Er könnte die eben entstehende islamische Theologie in Deutschland gefährden. Auf der einen Seite der Front steht Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Er bildet Lehrer für den islamischen Religionsunterricht und Imame aus. Seine Lehren werden künftig das Denken der Muslime in Deutschland maßgeblich beeinflussen. Khorchide will das Verständnis des Islams von innen heraus erneuern und stellt dabei Mündigkeit und Vernunft des Menschen in den Mittelpunkt. Aus freiheitlicher Perspektive könnte man sagen: Khorchide tut dem Islam gut.

Auf der anderen Seite der Front stehen die meisten islamischen Verbände Deutschlands. Über Beiräte sind sie in die Theologie an den Hochschulen eingebunden. Sie sollen ein Wort mitreden, wenn es um Lehrinhalte und Personal geht. Verfassungsrechtlich ist das heikel, da der Islam keine Kirchenstrukturen kennt. Außerdem stehen die Verbände für einen konservativen oder auch unreflektierten Islam. Nun werfen sie Khorchide vor, seine Arbeit sei theologisch nicht fundiert, er verwässere Glaubensinhalte und breche auch noch die Verfassung. Denn er wolle ohne Verbände über Lehrinhalte und Personal entscheiden – was Khorchide selbst jedoch dementiert.

Den Verbänden geht es nicht nur um Glaubensfragen. Sie fürchten, die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland zu verlieren – an einen angeblich zu liberalen Muslim. Dabei sind Khorchides Thesen nicht neu, er orientiert sich an islamischen Reformdenkern. Aber, und das provoziert wohl: Er findet eine Sprache, die junge Muslime verstehen. Trotzdem ist er theologisch sattelfest, sonst würde Kairos Al-Azhar-Universität, die wichtigste Autorität im sunnitischen Islam, nicht mit ihm kooperieren. Ist Khorchide ein Luther des Islams? Nein. Er ist den Hardlinern sowie den Salafisten ein Dorn im Auge.