Er trat mit umgeschnalltem Pistolenholster vor die UN-Vollversammlung, das war 1974; zwei Jahrzehnte später erhielt er den Friedensnobelpreis: Immer neue Rollen, so kannte die Welt Jassir Arafat, den Palästinenserführer, der zuvor auch schon mal Muslimbruder, Offizier der ägyptischen Armee und Bauunternehmer gewesen war. Ein Mann der Verwandlungen und Überraschungen – sogar noch heute, neun Jahre nach seinem Tod.

Bis zum Spätherbst 2004 hatte Arafat in Ramallah gelebt, in seinem von den Israelis weitgehend zerstörten Hauptquartier. Nach einem Abendessen Mitte Oktober verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, Arafat ließ sich nach Paris bringen, wo er am 11. November an einer Gehirnblutung starb. "Vergiftet!", riefen seine Freunde, "Aids", behaupteten seine Feinde.

Seit der vergangenen Woche weiß man mehr. Experten aus Lausanne, die zu den Besten ihres Fachs zählen, haben in Arafats persönlichen Sachen und sterblichen Überresten Gift gefunden. Arafat, das Mordopfer: seine letzte Rolle.

Der Palästinenserführer erscheint in dem 108 Seiten langen Bericht aus Lausanne zunächst als Patient. Ihm ist speiübel, er hat Durchfall, Bauchschmerzen und Schwächeanfälle, muss das Bett hüten und nimmt in beängstigendem Tempo ab. Es folgen Delirium, innere Blutungen, Nieren- und Leberversagen. Auch wer sich an die Mordtaten des Mannes erinnert, kann sich während der Lektüre des Mitleids nicht erwehren. Aus der Legende ist ein Leidender geworden und damit ein Mensch.

Koma und Tod erlösen ihn. Der Leichnam wird nach Ramallah überführt. Die Witwe lehnt eine Autopsie ab, aus Gründen der Pietät. Pariser Mediziner untersuchen, was sie so von Arafat behalten haben, Hautreste etwa und Urin, finden aber nichts Auffälliges. Sie entsorgen die Proben.

Arafats Leichnam ist nun ein Symbol, aufgebahrt in einem Mausoleum. Die Witwe lässt nicht locker: Ihr Mann sei vergiftet worden. Merkwürdig nur, dass sie ihren Trumpf erst Anfang 2012 ausspielt, indem sie dem Sender Al-Dschasira die Siebensachen aushändigt, die der Pariser Patient bei sich geführt hatte. Sie werden nach Lausanne geschickt. Die Inventarliste ergibt ein anrührendes Bild dessen, worauf der weltberühmte Mann auf seinem letzten Leidensweg nicht verzichten wollte. Da sind sorgfältig gefaltete, braungraue Socken, eine Schirmmütze in den Farben der Trikolore mit Schriftzug "France 1998", Parfümfläschchen (Eternity und Egoïste), eine Taschenlampe, ein Kompass. Was er mit dem wohl wollte?

Aus Arafats Wollmütze klauben die Schweizer neun Haare, jedes nur zwei Zentimeter lang, aus einer Unterhose schneiden sie gelbe Flecken heraus. Und siehe da: In diesen Spuren entdecken sie mehr Polonium-210, als natürlicherweise darin hätte vorkommen sollen. Die radioaktive Substanz ist ein Alphastrahler, die Pariser Kollegen hatten nur nach Gammastrahlung gesucht.

Arafats Witwe, die einen französischen Pass hat, wendet sich an die Justiz in Paris und beantragt jetzt doch die Exhumierung. Die Palästinenserbehörde versucht ihrerseits, diese zu verhindern. Sie bedroht das Fernsehteam von Al-Dschasira, das in Ramallah die Szene beobachtet. Offenbar gibt es Leute, die keine weiteren Untersuchungen wollen.