Acht Seiten vor Schluss seiner 4500-seitigen Suche nach der verlorenen Zeit packten Proust die Zweifel: In zehn Jahren würde er selbst nicht mehr leben, und in hundert Jahren würden seine Bücher nicht mehr existieren. Proust hat sich getäuscht. Heute ist es hundert Jahre her, dass am 14. November 1913 in Paris Du côté de chez Swann in die Buchhandlungen kam, der erste Band von Marcel Prousts siebenbändigem Roman À la recherche du temps perdu. Und noch immer steigt die Zahl der Leser, die größtes Glück darin finden, mithilfe von Prousts unvergleichlichen Sätzen sich und die Welt zu betrachten.

Die schönste und lehrreichste Publikation zu diesem Jubiläum ist die Faksimile-Ausgabe der von Proust handschriftlich korrigierten und reich ergänzten ersten Druckfahne von Combray, dem ersten Teil des ersten Bandes der Recherche. Bisher musste man ins schweizerische Cologny, zur Fondation Martin Bodmer pilgern, um auf diesen erst im Jahr 2000 wieder aufgetauchten Druckbögen, placards, die vielen handschriftlichen Blättchen aufklappen zu können, die Proust (oder seine Haushälterin Céleste) an die Fahnen geklebt hatten. Nun kann man dieses Manuskript in der schönen, ledergebundenen Gallimard-Ausgabe bequem zu Hause ausfalten, ein prächtiger Adventskalender fürs Kind im Proustianer.

Aber das bibliophile Luxusspiel hat durchaus seinen tieferen Sinn. Es führt aufs Intimste zurück ins Jahr 1913 und zeigt Zeile für Zeile, wie angstumwittert die Entstehungsgeschichte der Recherche war. Proust zweifelte nicht nur am Fortleben seines Werkes. Er war auch in Sorge, ob seine fragile Gesundheit ihm erlauben würde, es fertigzustellen. Er müsse "in der Angst leben", schrieb der Nachtarbeiter, der er war, "ob der Herr meines Geschicks am Morgen, wenn ich meine Erzählung unterbrach, mein Todesurteil noch etwas aufschieben und mir erlauben würde, am nächsten Abend darin fortzufahren".

Es ist diese Angst, die man dem Faksimile der hundert Jahre alten placards auf jeder Seite entnehmen kann. Proust denkt nicht daran, die Fahne, wie das so üblich ist, allein auf Druckfehler durchzusehen. Er setzt auf ihr mit endlosen Strömen von Tinte das graphomanische Riesenwerk fort, dem er sich seit dem Beginn der Romanarbeit im Jahr 1908 Nacht für Nacht hingegeben hat. Unzählige Notizbücher, Hefte und Typoskripte sind dabei zustande gekommen. Und all diese Textstufen hat Proust durch Hinzuschreiben, Ausschneiden, Umkleben ständig miteinander vermischt. Doch was nach Irrungen und Wirrungen aussieht, ist in Wahrheit etwas ganz anderes: das exakte Protokoll der schwierigen Reise in die unbekannte verlorene Heimat, die, nach Prousts Auffassung, jeder Künstler in sich trägt und der er sich durch den Abstieg ins moi pro fonde,ins Tiefen-Ich, anzunähern sucht, um dann mit den Mitteln seiner Kunst, mit Farben, Tönen oder Sätzen, "dieses Unsagbare", "die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar zu machen".

Welchen Titel sollte diese Heimkehr eines Schriftstellers zu sich selbst tragen? Auch diese Frage quälte Proust noch immer, als er im April 1913 die erste Druckfahne bekam. Sollte sie nach Stellen wie der Madeleine-Episode heißen, jenen Blitzen der Einsicht, in denen wie in einem Herzaussetzer die Wahrheit aufleuchtete? Dieser Titel stand auf der Fahne: Intermittences du Cœur, "Herzrhythmusstörungen". Doch Proust strich den medizinischen Terminus und setzte von Hand den heutigen Titel À la recherche du temps perdu, der mit der untergegangenen Zeit die Dimension benannte, in der er die tiefen Wahrheiten des Ich gefunden hatte. Nun ging aber der gedruckte Untertitel nicht mehr. LE TEMPS PERDU wurde handschriftlich durch Charles Swann ersetzt. Der jüdische Held als Titel? Am Ende entschied sich Proust, auch im Untertitel den suchenden Charakter zu betonen, strich Charles Swann und schrieb Du côté de chez Swann, "Auf dem Weg zu Swann".

Fast keine der weltberühmten Stellen darf kurz vor dem Erscheinen des ersten Bandes als gesichert gelten. Manche sind noch gar nicht geschrieben. Vinteuil, den Komponisten, in dessen Septett Proust später seine eigene Kunst so unvergleichlich spiegeln wird, hat er April 1913 noch nicht einmal erfunden. Den berühmten ersten Satz "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" streicht er und setzt handschriftlich "Über viele Jahre habe ich jeden Abend im Bett einige Seiten gelesen". Dann streicht er das auch und schreibt den alten Satz wieder hin. Das Drama des Zubettgehens mit dem mütterlichen Gutenachtkuss schreibt er in letzter Minute so um, "dass der Leser die Ängste des Romanhelden nicht aus der Distanz des erwachsenen Erzählers, sondern aus der Unmittelbarkeit des Kindes heraus erlebt" – so sagt es der Proust-Herausgeber Luzius Keller in seinem kleinen Buch Proust 1913. Und auch das Gegenbild zur reinen Mutterliebe, die oft sadistisch gefärbte Sexualität, deren Darstellung zu Prousts kühnsten Taten gehört, wird in den Fahnen verschärft.

Die Mutter war seine lebenslange Obsession

Beides – Mutterliebe und schmutziger Sex – gehört zum Urbestand der Recherche und hängt eng zusammen. In vier der acht ersten Romanepisoden von 1908 geht es um Gesichter. Und immer steht das hostiengleiche mütterliche Gesicht unmittelbar neben dem mütterlichen Gesicht, das um sexueller Befriedigung willen angespuckt und profaniert wird, allem Anschein nach eine von Prousts tiefsten Obsessionen. Anspielungsweise geistert sie durch den ganzen Roman. Aber erst in einer Fahnenkorrektur vom April 1913 hat Proust sich erstmals getraut, das profanierte mütterliche Gesicht auch explizit in den Drucktext zu setzen. In der Liebesszene, in der Mlle Vinteuil und ihre Freundin das Porträt des Vaters bespucken, führt Proust, der seiner Mutter aufs Haar glich, unvermittelt die Mutterposition ein. Was die junge Dame am Genuss ihrer kleinen Perversion gehindert habe, sei nicht "die Photographie des Vaters". Es sei vielmehr, schreibt er von Hand an den Rand, die Ähnlichkeit ihrer Züge mit den väterlichen und darin die blauen Augen seiner Mutter, "die er ihr wie einen Familienschmuck vererbt hatte".