Zu der Freude, die man als akademischer Lehrer – in prekären Arbeitsverhältnissen – haben kann, tragen manchmal die Studenten bei, vor allem wenn sie einem widersprechen. Durch den Widerspruch merkt der Lehrer, dass er etwas gesagt hat und nicht nichts. Ich zum Beispiel erntete Widerspruch, als ich an Roland Beiers berühmte Karikatur erinnerte: Da steht ein Karl Marx in voller Pracht, beinahe wie ein "Kapitalist" aussehend, die Hände in den Hosentaschen, mit einem "verschmitzten", aber dennoch arroganten Gesichtsausdruck. Der Karikaturist mutet seiner Figur zu, coram publico zu sagen: "Tut mir leid, Jungs! War halt nur so ’ne Idee von mir ..."

Die Karikatur ist eine von Erfahrung gespeiste Replik auf die These von Marx, dass die Philosophen die Welt verschieden interpretiert hätten, es aber darauf ankomme, sie zu verändern. Der Spott auf diese These liegt auf der Hand: Über die Geschichtsphilosophen sagte Odo Marquard, sie hätten die Welt verschieden verändert; es komme aber darauf an, die Welt zu schonen. In meinem Seminar wurde alledem widersprochen: Es komme darauf an, Marx aus so einem Spiel herauszunehmen – die Karikatur sei opportunistisch, und mit dem nur zum Teil nach ihm benannten "Marxismus-Leninismus" habe Marx nichts zu tun. Das glaube ich nicht, aber ich hatte eine Freude damit, dass heute junge Menschen für Marx das Wort ergreifen. Fast schon wieder wie früher.

Es gibt Publikationen, die glauben machen, Karl Marx wäre als Vertreter des Bösen direkt aus der Hölle auf die Erde hinaufgefallen. Wahr ist vielmehr, dass Marx mit seinen Schriften zur deutschen Philosophie gehört: Dort diskutiert er mit. Das ermöglicht eine wissenschaftlich skeptische Bilanz seiner Gedanken, wie sie in dem Buch Nach Marx vorliegt. Typisch für das Unterfangen des Buches, in dem von vielen gelehrten Menschen über Marx vielseitig nachgedacht wird, erscheint mir ein Aufsatz von Andrea Maihofer, die im Anschluss an Marx und Foucault über "Normativität" referiert: Von Foucault stammt die Feststellung, dass es im Leben Augenblicke gibt, "da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist". Maihofer macht darauf aufmerksam, und man konnte es von Marx lernen, dass alles, was man wahrnimmt oder denkt, historisch bedingt ist. Die Zeit, die man auf den Begriff bringen will, setzt ihrerseits dem Begreifen Grenzen. Folgt man Maihofer, dann ist unser Wahrnehmen und Denken nicht nur historisch bedingt, sondern "kontingent": Alles könnte stets auch anders sein.

Es ist klar, dass sich deshalb Normativität nur schwer einspielt. Trotz "all ihrer Begrenztheit und inneren Widersprüchlichkeit" seien aber für Marx die Menschenrechte ein, so Maihofer, "normativer Standard" gewesen. Nach Marx dürfe man hinter diesen Standard nicht zurückfallen. Es kommt zu einem marxistischen Balanceakt: Einerseits gilt der Standard, andererseits sind – nach Marx – auch die Menschenrechte keine universell gültigen Ideale. Man muss sie fortwährend einer kritischen Prüfung aussetzen, und das hat eine existenzielle Seite. Es bedeutet, "die Ungewissheit über die Richtigkeit von Normen, auch den eigenen auszuhalten und sich diesem aporetischen Dilemma nicht durch metaphysische Gewissheiten zu entziehen. – Aufklärung im eigentlichen, kritischen Sinne."