Peter Ramsauers Stuhl wackelt schon seit Längerem. Draußen vor dem Bundesverkehrsministerium bauen sie die Straße breiter, außerdem werden neue Bahnschienen verlegt. Im Ministerbüro im ersten Stock vibrieren deshalb die Möbel. Außerdem ist der Krach so laut, dass man das Fenster nicht mehr öffnen kann. Trotzdem wirkt Ramsauer in diesen Wochen, als würde er sich am liebsten an seinem Schreibtisch festschnallen. Niemals werde man auf dieses Haus verzichten, heißt es in diesen Tagen bei der gesamten CSU. Niemals!

Das Verkehrsministerium hat Geld und fällt Entscheidungen, die fast jeden betreffen und interessieren – die Einführung einer Pkw-Maut etwa oder die Reform der Flensburger Verkehrssünderdatei. Das Ressort verschafft innerparteiliche Macht, weil Abgeordnete, Landräte und Bürgermeister sich Straßen oder Brücken in ihrer Heimat wünschen. Neuerdings gilt das Haus sogar als Zukunftsressort, weil alle Parteien plötzlich die Infrastruktur des Landes erneuern wollen. Doch das kann eigentlich nur die CSU, findet die CSU. Die Homepage des Ministeriums zeigt ein Alpenpanorama sowie Bilder von Ramsauer mitten in einer Gruppe von Frauen im Dirndl. Man könne vergessen, dieses Ressort jemals zu bekommen, seufzte dieser Tage ein Spitzenmann der CDU: "Gehen sie mal über die Flure, da merken Sie: Die reden alle bayerisch."

Wer das Gesundheitsministerium will, ist selbst schuld

Spätestens Ende November soll feststehen, welcher Minister in Berlin welches Ressort übernimmt. Dann soll eine erste Version des Koalitionsvertrages fertig sein. In einem Anhang werden wohl alle Ministerien samt ihren Chefs aufgezählt. Es wird aussehen, als sei die Verteilung der Posten eine zweitrangige Frage und nicht ganz so wichtig wie die vereinbarten Inhalte auf den 150 Seiten davor. Das ist Absicht. Vor der SPD-Mitgliederbefragung soll unbedingt der Eindruck vermieden werden, die Sozialdemokraten strebten nur wegen schicker Posten an die Macht.

Gleichzeitig wissen alle, die verhandeln: Auf die Minister kommt es an. Von der Verteilung der Posten hängt ab, in welchen Bereichen die Regierung ehrgeizig, kompetent, vielleicht sogar glanzvoll sein wird – oder nicht. Sigmar Gabriel wäre, Koalitionsvertrag hin oder her, ein anderer Wirtschaftsminister als Alexander Dobrindt von der CSU – äußerlich mehr wie Ludwig Erhard, habituell eher ein Gerhard Schröder II, ein neuer Genosse der Bosse, allerdings mit Erfahrung in der Umweltpolitik.

In Berlin wird momentan über nichts so viel geredet wie über die Zusammensetzung des dritten Merkel-Kabinetts – und über die Frage, welche Ministerien erstrebenswert sind. Einige Koalitionäre inspizierten schon die Verteilungsmasse; der SPD-Unterhändler Hubertus Heil beispielsweise besuchte Spitzenbeamte des Wirtschaftsministeriums – um sich zu informieren, aber wohl auch, um sich umzusehen. Heils Gegenüber von der CSU, Ilse Aigner, vereinbarte daraufhin im Ministerium ebenfalls einen Termin. Vergangene Woche wurde Andrea Nahles im Entwicklungshilfeministerium gesehen.

Ein Ministerium muss weder zu den "klassischen" Ministerien wie Innen, Außen oder Finanzen gehören, noch im engeren Sinne wichtig sein, um als attraktiv zu gelten. Verkehrsminister Ramsauer rangiert protokollarisch weit hinten im Kabinett, auf der Wunschliste der Parteien steht sein Haus dennoch weit vorn. Als attraktiv gelten auch die Ressorts Familie und Bildung: Sie stehen für Zukunft, Geld und wenig Ärger, solange man sich nicht so dusselig anstellt wie die scheidende Ministerin Kristina Schröder und gleich nach dem Start Alice Schwarzer attackiert.

Das Arbeitsministerium hat so viel Geld, dass die Mitarbeiter von Ministerin Ursula von der Leyen nach dem Wechsel aus dem Familienministerium stets wirkten, als hätten sie Dollarzeichen in den Augen und könnten die Größe ihres Etats noch nicht wirklich fassen. Arbeitsminister zu sein ist schön, wenn wenig gespart und reformiert werden muss und keine steigenden Arbeitslosenzahlen verkündet werden müssen. Aber selbst in schlechten Zeiten hat die SPD nie, auch in keiner einzigen Landesregierung, auf dieses Ressort verzichtet.