Bitte aufheben für den nächsten 9. November, den 76. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht. Die Berliner, mit ihrer schnoddrigen Schnauze, haben damals das Wörtchen "Kristallnacht" erfunden. Es handelte sich dabei weder um eine einzige Nacht noch allein um brechende Fenster. Es war der erste systematische Angriff auf die deutsche Judenheit, der in Wahrheit bis zum 13. November andauerte. Im Verlauf dieser Tage wurden an die 1.500 Deutsche – "Staatsbürger jüdischen Glaubens", wie sie sich nannten – von Deutschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. 1.400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume wurden demoliert, dazu Tausende von Geschäften, Wohnungen und Friedhöfen.

Es war eine gesteuerte, aber nicht erzwungene Hetzjagd. Am 10. November wurden an die 30.000 Juden in die KZs verschleppt. In einem Anflug von besonders feinsinnigem Humor legte das Regime den Juden die Kosten der Zerstörung auf: mit einer "Judenbuße" von einer Milliarde Mark. Damit war zumindest Hermann Göring besänftigt, der Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, vorgeworfen hatte: "Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet."

Friedrich Nietzsche notierte in seiner Götzendämmerung: Finden wir erst ein Wort für eine Sache, haben wir sie schon überwunden. "Kristallnacht" war so ein Wort; man denkt unwillkürlich an einen weinseligen Polterabend, an dem Geschirr zertöppert wird, um dem jungen Paar Glück zu verheißen. Doch vor etwa zwanzig Jahren verschwand die "Kristallnacht" aus dem öffentlichen Vokabular – vielleicht doch zu schnoddrig oder verharmlosend. Stattdessen regiert ein Wort mit ernsterer Ladung: "Reichspogromnacht". Viel besser ist es trotzdem nicht.

"Pogrom" ist das russische Wort für "Verwüstung". Es waren aber nicht blutrünstige Kosakenhorden, die weiland durch die deutschen Städte tobten, sondern Deutsche, die Deutsche umbrachten. Es war keine "asiatische Tat", um einen Begriff zu zitieren, mit dem der aus dem "Historikerstreit" der Achtziger berühmte Ernst Nolte dezent die "Endlösung" umschrieb – ein Wort, das zum Euphemismus des Jahrhunderts geworden ist. Es waren keine Minderzivilisierten, die hinter dem Ural hervorbrachen und das Land der Dichter und Denker besetzten. Oder haben die Deutschen eine "asiatische Tat" an sich selber vollzogen?

Die Regung ist verständlich, eine menschliche, allzu menschliche. Wir wollen nicht daran erinnert werden, dass der Wolf dem Menschen ein Wolf ist, und deshalb hüllen wir unsere Begriffe in Schafspelze. "Kerker" und "Gefängnis" gibt es nicht mehr; es gibt nur noch "Justizvollzugsanstalten". Das Wort "Reichspogromnacht" schafft Distanz und sterilisiert das Grauen – wie die "Bartholomäusnacht" vom 23. August 1572, in der in Paris an die 3.000 Protestanten massakriert wurden. "Mordnacht" oder "Blutnacht" wären präzisere Begriffe, aber die quälen die Seele.

Distanz, sagt die Vernunft (oder Einsicht in die menschliche Psyche), darf sein. Jedenfalls solange die Erinnerung bleibt. Dass 75 Jahre später der Horrornacht deutschlandweit gedacht wurde, hätte sich 1938 niemand vorstellen können. Auch die Erinnerung ist gut für die Seele. Und für die nächsten 75 Jahre.