Reisen oder lesen? Ob es besser ist, sich körperlich in die Ferne zu bewegen oder diese Ferne bloß daheim in Büchern zu erkunden, das ist seit jeher umstritten. Der Philosoph Immanuel Kant empfahl die Lektüre von Reisebeschreibungen und gilt im Übrigen als der größte Stubenhocker der deutschen Geistesgeschichte. Andere, die tatsächlich weit gereist sind, hätten es, durch Erfahrung klug geworden, lieber auch gehalten wie er. Zum Beispiel der Schotte Robert James Fletcher, der sich im Jahr 1912 zu einer Südseeinsel aufgemacht hatte, auf der er das Paradies auf Erden vermutete. Entsetzt von den Verwüstungen, die die europäischen Kolonialherren dort längst angerichtet hatten, schrieb er in einem Brief an einen daheimgebliebenen Freund: "Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es angenehmer ist, am Kaminfeuer zu reisen, als in der Wirklichkeit. Man erlebt weniger Enttäuschungen, und man kann sich seine Gesellschaft aussuchen." Flehentlich erinnerte er den Freund, ihn einmal im Monat per Post mit Lesestoff zu versorgen. "Denk daran", bat Fletcher, "ich bin hier in der tiefsten Wildnis. Alles ist willkommen, Zeitungsausschnitte, Buchbesprechungen, alles."

Einmal im Monat und per Post: Auf diese Weise lassen sich seit 1985 auch die Abonnenten der Anderen Bibliothek mit Lesestoff versorgen. Zuletzt landeten Fletchers Briefe aus der Südsee, aus denen später unter dem Titel Inseln der Illusion ein Buch geworden ist, im Briefkasten. Christian Döring produziert in dieser Reihe die schönsten Reisebücher, die heute in deutscher Sprache erscheinen. Seitdem er den Verlag führt, wird jeder einzelne Titel von einem anderen Gestalter entworfen; die ausgesuchten Materialien der Bucheinbände, die grafische Gestaltung der Pappschuber und die exquisite, ebenfalls immer wieder variierte Typografie sind legendär.

Aber wie nun, reisen oder lesen? Christian Döring ist gerade aus Paris zurückgekommen, wo er hauptsächlich wohnt, und sitzt in seinem Büro, das im vierten Geschoss der nagelneuen Residenz des Aufbau-Verlags untergebracht ist. Berlin-Kreuzberg: Durch das bodentiefe Fenster ist der Moritzplatz zu sehen, dahinter die Prinzessinnengärten, ein Stadtbegrünungsprojekt, das in alternativen Touristenführern längst zur Sehenswürdigkeit erklärt wurde. Bücher wie das von Robert James Fletcher, antwortet Christian Döring entschieden, seien Treibstoff für das Reisen im Kopf. Das Gegenteil also von praktisch ausgerichteten Reiseführern. Ihm gehe es um Sehnsüchte, die in der Realität nicht befriedigt werden können: nach einem verschwundenen Ort, einer vergangenen Zeit. Oder die Sehnsucht nach einem anderen Lebenstempo.

Die Briefe eines reisenden Franzosen zum Beispiel sind ein Lehrstück in Sachen Entschleunigung: Als Johann Kaspar Riesbecks detaillierter Bericht seiner ausgedehnten Deutschlandreise im Jahr 1783 anonym erschien, wurde dieses Buch sehr schnell zu einem in viele Sprachen übersetzten Bestseller. Was es noch heute so lesenswert macht? Riesbeck reiste, im Unterschied zu seinen Zeitgenossen – die, sofern sie auf sich hielten, zu Ross oder in der Kutsche unterwegs waren –, vor allem zu Fuß. So kam er mit den Leuten am Wegesrand ins Gespräch und konnte von den Städten, die er sich im ganzen Land erwanderte, mit der Kennerschaft eines investigativen Reporters berichten. Riesbeck, schwärmt Döring, sei stets zum Kern der Dinge vorgestoßen. Also ein Vorreiter der heute so populären Wanderliteratur? Ja, schon, stimmt Christian Döring leicht spöttisch zu, "heute pilgern sie alle".

Natürlich ist die Andere Bibliothek dennoch kein Reiseverlag. Seitdem sie von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno vor beinahe 30 Jahren gegründet wurde, sind alle möglichen Sorten von Büchern hier erschienen: Romane, Sachbücher, Essays, journalistische Reportagen. Zusammengehalten wurde all das von Beginn an durch ein selbstbewusstes Motto: "Wir drucken nur Bücher, die wir auch selber gerne lesen möchten."

An der Geschichte der Anderen Bibliothek erstaunt vor allem deren Langlebigkeit. Wie über wirtschaftliche Schieflagen, Herausgeber- und Verlagswechsel hinweg hartnäckig an der ursprünglichen Idee der Gründungsväter festgehalten wurde. Zunächst von dem Buchgestalter Franz Greno im damals schon rar gewordenen Bleisatz gedruckt und verlegt, wurde die Reihe im Jahr 1989 an den Eichborn Verlag und Ende 2011 an Aufbau verkauft. Enzensberger stieg im Jahr 2004 aus, Greno drei Jahre später, zwischendurch gab es herausgeberfreie Jahre und ein vierjähriges Führungs-Intermezzo von Klaus Harpprecht und Michael Naumann. Turbulente Zeiten.

Durch die sich die Reiseliteratur vielleicht als der dickste rote Faden zieht. Christian Döring, der in Erwartung des Besuchs noch einmal seine Backlist studiert hat, ist darüber selbst ein wenig erstaunt. Schon Band Nummer drei war ein Reisebuch: Johann G. Seumes Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Es folgten Lord Byrons Schilderung seiner Orientreise, das Amazonas-Buch von Henry Walter Bates, mehrere Reportagebände von Ryszard Kapuściński, aber auch viele Titel lebender Autoren, darunter Hans Christoph Buch, Ilija Trojanow, Georg Brunold und Marko Martin. Und es geht weiter, stets in großen historischen Sprüngen. Gerade bereitet Döring eine Textsammlung des französischen Starreporters Albert Londres vor und Michel de Montaignes Tagebuch der Reise nach Italien, das im Dezember erscheinen wird.

Man darf sich den Buchliebhaber Christian Döring aber nicht als bloßen Traditionsverwalter vorstellen. Seitdem er Verleger der Anderen Bibliothek ist, steigen die zuvor gesunkenen Abonnentenzahlen wieder, zudem hat Döring erst gerade die Buchreihe "Kometen" eingeführt, in der sowohl längst vergriffene Titel aus der gebundenen Reihe als auch schmalere Novitäten in einem erschwinglichen Broschurformat erscheinen. Müßig zu erwähnen, dass es sich auch hier um buchgestalterische Schmuckstücke handelt. Im Unterschied zu gängigen Taschenbüchern sind diese "Luxusbroschuren", wie Döring sie völlig angemessen nennt, mit einem Leseband und Vorsatzpapier ausgestattet und werden allesamt von dem Kasseler Startypografen Friedrich Forssman gesetzt.

Man darf sich Christian Döring, der in Berlin und Paris, aber noch viel mehr in seinen Büchern lebt, auch als keinen großen Reisenden denken. Oder vor allem als lesend Reisenden. Und vielleicht sei das ja die größte Verlockung: Schon Adelbert von Chamissos Reise um die Welt habe das Versprechen geborgen, dass alles Staunens- und Wissenswerte zwischen zwei Buchdeckel passe und im Licht der Leselampe zu erkunden sei. "Ist das etwa nicht wahr?", fragt Döring und zitiert zum Abschied sinngemäß den Satz des französischen Philosophen Blaise Pascal: "Alles Unglück der Welt beginnt doch damit, dass man das Zimmer verlässt."