Es war einmal eine Stadt, die die Sonne nicht sah. Im Schatten der Berge lagen Rathaus und Kirche, Schule und Kraftwerk. Lang und düster waren die Winter, von der Sonne vergessen zankten die Kinder, weinten die Mütter, fluchten die Väter. Bis eines Tages, mitten auf dem Marktplatz, ein Wunder geschah.

Mittwoch, der 30. Oktober 2013, in der norwegischen Kleinstadt Rjukan, 3500 Einwohner, 180 Kilometer westlich von Oslo. Die Läden sind vorübergehend geschlossen, die Schüler haben frei, Kindergartenkinder marschieren in Zweierreihen ins Zentrum. Um kurz vor zwölf Uhr mittags blicken Tausende blasse Gesichter vom Marktplatz zum Berghang im Norden auf.

Am Himmel kreisen Hubschrauber, die Presse ist da: CBS News aus den Vereinigten Staaten, TV Globo aus Brasilien, Al-Dschasira, Xinhua, größte Presseagentur der Volksrepublik China. Der norwegische Privatsender TV2 ist mit acht Leuten angerückt, seit neun Uhr morgens läuft eine Sondersendung. Zwei deutsche Reporter, die am Tag zuvor fürs RTL Nachtjournal gefilmt haben, berichten nun live für n-tv.

911 Meter Luftlinie entfernt, 450 Meter hoch über dem Marktplatz, setzen sich drei computergesteuerte Heliostaten in Gang. Langsam bewegen sich die Sonnenspiegel in Position, je 5,55 Meter hoch, 3,21 Meter breit. Um Schlag zwölf sollen sie das Sonnenlicht auf den Marktplatz reflektieren, eine 100 Quadratmeter große, leuchtende Ellipse.

Es ist Punkt zwölf, aber Rjukan bleibt dunkel. Eine Wolke hängt am Gipfel des Gaustatoppen fest und verdeckt die Sicht auf die Sonne. Quälend langsam vergehen die Minuten, dann endlich, um 12.29 Uhr, reißt die Wolke sich los.

Und es wird Licht.

Auf Liegestühlen im aufgeschütteten Sand reißen Tänzerinnen mit Federn im Haar die Arme hoch, dass ihre Cocktails überschwappen. Kinder mit Leuchtwesten und Sonnenbrillen beginnen zu kreischen, eine Coverband mit langen Haaren und Bärten greift in die Saiten, Hair, "Let the sunshine in". Die Masse schwenkt die Arme im Takt, wedelt mit Landesfähnchen, über den Köpfen schweben Riesenseifenblasen. Aus tausend Kehlen singt der Chor: "Let the sunshine in!"

Es ist das erste Mal, dass die Wintersonne auf den Marktplatz von Rjukan scheint. Steile Bergwände rauben der Stadt das Licht, fünfeinhalb Monate im Jahr. Die Sonne schafft es nicht über die Berge im Süden; im Norden sieht man ihr Licht den Hang hinabwandern, doch den Ort erreicht es nicht. Dort oben, hoch im Norden, gegenüber der Sonne, stehen jetzt die Spiegel. Sie drehen und neigen sich mit der wandernden Sonne und reflektieren das Licht immer auf denselben Punkt. Es ist der zweite Heliostat dieser Art: Der erste wurde 2006 über dem italienischen Viganella errichtet, auch ein Ort, umstellt von hohen Bergen. Der Edelstahlreflektor erreicht dort jedoch nur einen Bruchteil des Effekts von Rjukan.

Mit bloßem Auge sieht es so aus, als gehe die Sonne über den Bergen auf. Sie blendet und wärmt. Doch sie steht im Norden, sie steigt nicht, sie sinkt nicht, sie bleibt stur am Bergkamm kleben. Ihr Licht wirkt natürlich und künstlich zugleich, eine Mischung aus Sonnen- und Scheinwerferlicht. Ein Sonnenwerfer.

Wie ein Bühnenlicht strahlt er an diesem Nachmittag auf den Marktplatz. Die Stars: der Bürgermeister, der Kulturreferent, die Tourismusleiterin, der Geschäftsführer der deutschen Ingenieurfirma – und der Künstler Martin Andersen. Er steht im Lichte seines Werks, blauer Flohmarktanzug, wilder Backenbart, ein Gesicht voll Grübchen und Falten. Kameramänner umzingeln ihn, Reporter drücken ihm Mikrofone unter die Nase. Seelenruhig gibt er Interview um Interview, ständig schmunzelnd, anscheinend amüsiert über sich und die Welt.

Die Nachricht des Wunders von Rjukan fegt wie ein Sonnensturm über die Kontinente, Guardian, Washington Post, Sydney Morning Herald, The Japan Times, die Gulf Times aus Katar. Auch in Deutschland erzählt jeder das norwegische Märchen, vom Traunsteiner Tagblatt bis zur Tagesschau.