Dieser Roman ist nichts für Verächter der Botanik. Es wimmelt darin nur so von Blumen und Blüten und Sträuchern und Gräsern, auch von den Insekten und Käfern und anderem, was krabbelt und kreucht und sich an Pflanzen erfreut, die Menschen eingeschlossen, die ekstatisch Natur bestaunen und erwandern. Brigitte Kronauer ist eine Meisterin der Naturschilderung. Es kribbelt und kratzt geradezu in der Nase. Man könnte mitten im Winter Heuschnupfen kriegen bei der Lektüre.

Das Buch ist auch nichts für Verächter von Klatsch und kleinlichem Nachbarschaftsgerede, "dem Menschentum und seinem Gebarme" (Gottfried Benn), denn darin erschöpft es sich im Wesentlichen, in Alltagssorgen und Eifersüchteleien, im seelisch und sozial Vergänglichen, das durchs Gemüt krabbelt und selbstredend im Klein-Klein der Botanik seine Entsprechung und Metapher sucht. Insofern ist der merkwürdig selbstdenunziatorisch wirkende Titel, Gewäsch und Gewimmel, nicht schlecht gewählt. Gewäsch prägt die eine, Gewimmel die andere Seite des Romans.

Wo kommen die vielen Leute her? Wer nach vordergründiger Motivierung sucht, wird vielleicht sagen, es sind die Patienten, die durch die Praxis der Physiotherapeutin Elsa ziehen und mit ihren Geschichten und Beichten den Kopf der armen jungen Frau füllen. So richtig wahrscheinlich ist diese Herleitung aus einer nur angedeuteten Rahmenerzählung aber nicht. Was aus all diesen Leuten brabbelt oder gar tief in ihnen vorgeht, kann so eine Krankenpflegerin alleine gar nicht wissen. Es ist eher ein gottgleicher Erzähler oder Puppenspieler am Werk, der mal zum Spaß eine ganze Kiste mit Marionetten und Masken vor uns Lesern auskippt und bald die eine, bald die andere hervorzieht und bespricht, auch wieder wegräumt oder zu absonderlichen Ensembles gruppiert.

Der gewaltige, überreiche, mit kleinen und kleinsten Schicksalen vollgestopfte 600-Seiten-Roman erinnert von Ferne ein wenig an John dos Passos’ berühmtes Opus Manhattan Transfer. Hier wie dort wuchern die Episoden nach und nach ineinander, verflechten und verstricken sich, bis an einzelnen Strängen echte Tragik, echtes Schicksal, echte Liebe und echter Tod erkennbar werden. Es sind aber insgesamt Pathos und Fallhöhe bei der Kronauer nicht so hoch, jedenfalls selten höher als die dreißig Zentimeter der Gräser, Sumpf- und Schleierkräuter, maximal geht es vielleicht hinauf bis zu den ein oder anderthalb Metern der Binsen und Schilfstauden, was aber für die verschreckten Menschlein, deren Hoffnungen sich auf den Blüten und Dolden und Kolben gewiegt haben, immer noch schlimm genug ist, wenn sie abstürzen.

Von der Immanenz zur Transzendenz und wieder zurück

Und der bodennahe Maßstab hat auch seine Richtigkeit. Denn zwischen Gewäsch und Gewimmel hat der Roman eine richtig lange Erzählung im Mittelteil, und die spielt in einem sumpfigen Naturschutzgebiet am Rande einer Großstadt, wahrscheinlich Hamburgs (wo Brigitte Kronauer lebt). Dieses kräuterreiche Gebiet wird durchwandert von einer absonderlichen alten Frau mit Namen Wäns, Luise Wäns, die sich dabei an Aufstieg und Niedergang einer Gruppe von weiteren Naturfreunden erinnert, die dort einst unter Führung eines charismatischen, vielleicht auch nur egozentrischen Landschaftspflegers unterwegs waren. Da überlagert und verwirrt sich wieder allerlei, auch mit der Patientendatei der eingangs erwähnten Krankenpflegerin, aber wie es mit verwirrten alten Menschen nun einmal ist: In einem sehen sie unverändert klar, und das ist die Psychologie ihrer Mitmenschen.

Unbestechlich klar sieht Luise Wäns in der eifersüchtig brodelnden, zänkisch ineinander verfilzten Gruppe eine obsessive Liebe zu dem Landschaftspfleger am Werk. Dieser Hans Scheffler ist das Zentralgestirn des Romans, kein unbewegter Beweger, aber doch fast mehr Gottheit als Mensch, ein Faun oder Satyr oder sogar Dionysos selbst, der Rausch und Erregung, Entrückung aus dem Alltag spendet. Ohne ihn fühlen sich alle leer, mit ihm wie unter Droge. Von der Glück spendenden Darreichung der Droge und von ihrem am Ende schmählichen Entzug handelt der Roman. Das Gewäsch des ersten Teils seufzt und lechzt schon der Droge entgegen, das Gewimmel des letzten Teils seufzt und trauert ihr hinterher.

Wie geht die Droge verloren? Der Mann, den alle lieben und der dadurch alle aphrodisiert, verliebt sich selbst (in die Falsche) und heiratet dann sogar (eine andere Falsche). Kann man sich einen verehelichten Schwerenöter oder gar Dionysos vorstellen? Er wird zum welkenden Kleinbürger, zu einer entzauberten Gestalt der verwalteten Welt. Damit ist selbstredend dieser fast ins Kosmologische ausgreifende Roman Brigitte Kronauers nicht erklärt, nicht einmal in Ansätzen seiner Konstruktion. Wann wäre je ein Buch der Kronauer erschöpfend erklärt? Aber die Grundbewegung ist diese: von der Immanenz zur Transzendenz und zurück in die Immanenz. Und diese Bewegung, die sich im Großen mit der Erscheinung und dem Wiederverschwinden der verzaubernden Gottheit vollzieht, spiegelt sich unablässig in den kleinen Erregungen und Enttäuschungen des Alltags, in dem staunenden Innewerden von Natur- und Liebeswundern und den Ernüchterungen der Normalität.