Zwei Kommunen, ein Problem: Bochum, eine der 20 größten Städte Deutschlands, war früher das florierende Zentrum des Ruhrgebiets – und ist heute notorisch klamm. Knapp 60 Kilometer entfernt liegt Lüdenscheid, eine Kleinstadt im Nordwesten des Sauerlands, sie war einst dank ihrer mittelständischen Industrie ziemlich wohlhabend – und ist heute? Chronisch verschuldet!

Zur Finanznot gesellt sich in den beiden Kommunen nun noch ein zweites Problem. Eines, das Problem Nummer eins noch verschärft und mit dem weder Bochums Kämmerer Manfred Busch noch sein Lüdenscheider Kollege Karl Heinz Blasweiler je gerechnet hatten.

Das Problem: die deutsche Energiewende.

Das, was den Lüdenscheider und den Bochumer Finanzverwalter umtreibt, erklärt ganz gut, warum es in Berlin beim Koalitionspoker über die künftige deutsche Energiepolitik nicht nur ums Klima und um Deutschlands CO₂-Bilanz geht – sondern auch um die Frage, ob und unter welchen Umständen Kohlemeiler staatliche Unterstützung bekommen.

Die Kohlefrage hat bereits maßgeblich dafür gesorgt, dass Grün und Schwarz in ihren Sondierungsgesprächen nach der Bundestagswahl nicht zueinanderfanden. In den Verhandlungen zwischen Union und SPD gibt sich die CDU/CSU nun eher grün, während die Sozialdemokraten dafür kämpfen, möglichst vielen fossilen Kraftwerken das Überleben zu ermöglichen. Den Streit darüber konnte die Koalitionsarbeitsgruppe Energie bisher nicht beilegen. Warum? Die Antwort auf die Frage ist auch in Bochum und in Lüdenscheid zu finden – ebenso wie die Erklärung dafür, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zur Chefverhandlerin der Sozialdemokraten in Sachen Energie geworden ist. Kraft will verhindern, dass das Land an Rhein und Ruhr, Deutschlands Herzkammer der Stromerzeugung und Heimat der größten Stromkonzerne, unter die Räder kommt, samt seinen Kommunen.

Beispiel Bochum: Die Stadt besitzt 6,8 Millionen Aktien des strauchelnden Energieriesen RWE. Dafür bekam Bochum einst eine stattliche Dividende, zu den besten Zeiten waren es knapp 25 Millionen Euro im Jahr. Nun aber verhageln der Atomausstieg und die Energiewende RWE das Geschäft, also wurde auch die Dividende zusammengestrichen. 2014 werden deshalb wahrscheinlich nur noch sieben Millionen Euro in die städtischen Kassen fließen. Angesichts eines Haushaltsdefizit von rund 80 Millionen Euro sei der Verlust "eine relevante Größe", sagt Bochums Kämmerer Busch.

Fast noch schlimmer wirkt sich die Beteiligung der Stadt an einem modernen Steinkohlekraftwerk in Lünen am Nordrand des Ruhrgebiets aus. Der Meiler schreibt rote Zahlen – auch weil grüner Strom mit Vorrang ins Netz eingespeist wird. Das lässt an der Strombörse die Preise sinken. Bochum müsse 2013 und 2014 jeweils neun Millionen Euro zuschießen, um die Verluste des Kraftwerks abzudecken, sagt Busch.

Ähnlich ist es in Lüdenscheid. Hier belastet die Beteiligung der Stadt an dem Stromversorger Enervie die städtischen Kassen. 2006 war das Unternehmen mit großen Hoffnungen gestartet und baute ein modernes Gaskraftwerk in Herdecke an der Ruhr. Das Kraftwerk erzeugt Strom wesentlich klimafreundlicher als ein Kohlemeiler. Allerdings steht die Anlage "mehr oder minder still", sagt Lüdenscheids Kämmerer Blasweiler – weil die Strompreise an der Börse so niedrig sind, dass sie den Betrieb des Kraftwerks unrentabel machen. Lüdenscheid wird das rund vier bis fünf Millionen Euro kosten, die Enervie im nächsten Jahr eigentlich an die Stadt ausschütten sollte.