Der Ort ist nicht leicht zu finden. Passanten schütteln nur den Kopf. Ein Ceaușescu-Museum? Hier in Târgoviște? Nie gehört. Erst die Frage nach der Stelle, an der die Exekution stattfand, hilft weiter: Kurz vor dem Bahnhof, da liegt die alte Kavallerieschule aus dem 19. Jahrhundert. Dort wurde der Diktator erschossen.

An der Einfahrt zum gelb gestrichenen, mit historisierenden Säulen geschmückten Militärgebäude, das bis 2006 als Kaserne genutzt wurde, hängt ein kleines Schild: "Expozitia 25 Decembrie 1989". Hier ist sie, die "Ausstellung" zum rumänischen Schicksalstag. Damals, am ersten Weihnachtstag 1989, richteten putschende Soldaten nach kurzem Prozess ihren obersten Befehlshaber hin. Die Bilder der Leichen von Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena wurden von den neuen Machthabern unverzüglich rund um die Welt geschickt. Die Botschaft: Die Revolution hat gesiegt. Ab sofort ist die rumänische Diktatur Geschichte.

Das ist nun fast ein Vierteljahrhundert her. Höchste Zeit, aus Leben und Tod des gestürzten Tyrannen etwas zu machen, mag sich die Tourismusministerin Elena Udrea gedacht haben. Er könnte vielleicht helfen, den Rumänientourismus anzukurbeln. Also wirbt Frau Udrea nun für einen circuitul rosu, einen "roten Rundweg".

Rot wie Kommunismus. Oder Blut. Die Rundfahrt beginnt in der Walachei, in Scornicești, wo man Ceaușescus Geburtshaus besuchen kann. Über den ehemaligen Sitz des Zentralkomitees der Kommunisten im Bukarester Senatspalast geht es weiter zum selbst gesetzten Denkmal des größenwahnsinnigen Diktators: Das "Haus des Volkes" ist eines der größten Gebäude der Welt und beherbergt heute das Parlament.

Man darf sich diesen circuitul rosu nicht als sorgsam geschnürtes Urlaubspaket vorstellen, mit Kartenmaterial, Öffnungszeiten und Übernachtungstipps. Wie üblich in diesem Land, muss man seinen eigenen Zugang zu den Attraktionen finden. Das gilt auch für den Höhepunkt der Ceaușescu-Rundtour, für Târgoviște, wo der Mann, der sich gern als "großer Kommandant", "Titan der Titanen" und "Genie der Karpaten" feiern ließ, sein blutiges Ende fand.

Târgoviște liegt 80 Kilometer nordwestlich von Bukarest, am Südrand der Karpaten. Die frühere Hauptstadt der südrumänischen Walachei wirkt heute immer noch wie eine kommunistische Vorzeigestadt. Sie bietet dem Auge des Besuchers in erster Linie Plattenbauten. Daneben einige Museen, die Reste der historischen Altstadt – und die Ruine des echten Dracula-Schlosses.

Manche Ausländer und andere Dummköpfe glauben ja, Dracula habe auf Schloss Bran bei Brașov gewohnt, weil das gruselig aussieht. Oder in einem Dracula-Park, der bei Bukarest geplant ist. Doch Kenner wissen, dass genau hier, in Târgoviște, vor 500 Jahren das reale Vorbild für Bram Stokers literarische Figur des Grafen Dracula gelebt hat – Fürst Vlad III., auch Vlad Țepeș genannt, "der Pfähler". Historischen Quellen zufolge hat er seine Feinde zu Zehntausenden auf Pfähle spießen lassen.

Einen bescheidenen Dracula-Tourismus gibt es bereits in der Stadt. So kann man im Schloss-Shop Kaffeelöffel kaufen, auf die ein Menschlein aufgespießt ist. Seitdem im September der Ort, an dem man die Ceaușescus exekutierte, öffentlich zugänglich gemacht wurde, hat Târgoviște einen weiteren historischen Finsterling zu bieten.

Auf der Wiese vor dem Gebäude der früheren Kavallerieschule wird der Besucher von einer Tafel mit ein paar dürren Daten und Fakten zur rumänischen "Revolution" empfangen. Offiziell war es ein Volksaufstand. Vieles spricht allerdings dafür, dass Konkurrenten des Machthabers, hohe Militärs und vermutlich sogar der gefürchtete Geheimdienst Securitate an den Strippen zogen. Davon erfährt der Besucher hier jedoch nichts.

Nicht nur die Informationen in dieser Ausstellung sind dürftig. Insgesamt wurde nicht viel investiert. Die Stadt hat der bröckelnden Kaserne ein paar Töpfe Farbe spendiert und drei Räume so eingerichtet, wie sie damals in etwa aussahen. Doch auch wenn hier frisch geweißelt wurde, wirken die Flure des Gebäudes deprimierend. Als säßen in den Wänden noch die Ängste und Aggressionen von hundert Jahren Militärausbildung. An zwei uniformierten Wachpostenpuppen ohne Kopf vorbei betritt man die Zelle, in der das weltweit bekannte und berüchtigte Politikerpaar auf den Tod wartete. Holzstühle, Eisenbetten, eine durch einen Vorhang abgetrennte Waschecke, die Fenster blickdicht verhangen.

Vier Tage und drei Nächte verbrachten die Eheleute auf den Bettgestellen, im dritten Bett zwischen ihnen lag stets ein Wächter. Von draußen, von der Straße her, die zum Bahnhof führt, hörten sie das demonstrierende Volk skandieren: "Olé, olé, olé, olé – Ceaușescu nu mai e!" ("Ceaușescu gibt’s nicht mehr"). Ein Wächter gab später zu Protokoll, sie hätten stattdessen verstanden: Ceaușescu unde e? Wo ist er? Die Ceaușescus konnten offenbar bis zum Schluss nicht glauben, dass die abgöttische Liebe des Volkes zum "Titan der Titanen" ein Phantasma war.