Am Rande Europas gibt es einen Ort, an dem man sieht, was der Beitritt zur EU bedeutet: Das ist der Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine. Westlich der Grenze sind die maroden Häuser und Straßen Glaspalästen und Autobahnen gewichen. 25 Jahre hat es dafür gebraucht und ein Versprechen, das die EU gegeben hat: Bemüht euch. Reformiert. Bekämpft die Korruption. Demokratisiert eure Institutionen. Es wird sich lohnen.

Was auf dieses Versprechen folgte, ist eine der größten Erfolgsgeschichten Europas: Seit 2004 hat die EU 13 Staaten zu neuen Mitgliedern gemacht, hat sie stabilisiert, ihnen Wohlstand gebracht – und die Union ist dabei, oh Wunder, weder zusammengebrochen noch untergegangen.

Heute würden viele dennoch am liebsten niemanden mehr hineinlassen in den exklusiven Klub, niemandem mehr etwas versprechen, nicht den Serben, nicht den Mazedoniern, schon gar nicht den Türken. Noch besser: Könnte man doch nur die Fehler der vergangenen Jahre rückgängig machen, Rumänen, Bulgaren und Kroaten freundlich wieder hinausbitten!

Es stimmt ja: Die EU trägt schwer an ihrer missratenen Währung; sie leidet aber auch an ihrer Überdehnung. Vor allem aber leidet sie an sich selbst: Sie verliert sich in Kleinmut – und vergisst darüber die Größe ihrer Errungenschaften. Mehr noch: Sie könnte eine enorme Chance verpassen.

Vier Jahre ist es her, dass Polen und Schweden den restlichen EU-Mitgliedern vorgeschlagen haben, sechs Staaten in Osteuropa und im Kaukasus mit Assoziierungsabkommen enger an Europa zu binden: Die Ukraine luden sie ein, Moldawien und Georgien, damals noch von dem ungestümen Michail Saakaschwili regiert, der sein Land am liebsten eigenhändig weg von Russland in den Westen getragen hätte. Von dem Diktator in Weißrussland ließ man sich nicht schrecken, die kaukasischen Republiken Armenien und Aserbaidschan, obwohl verfeindet, wurden ebenfalls eingeladen. Das Ganze nannte sich Östliche Partnerschaft, fand aber im Westen wenig Zuspruch: Vor der Gründungsfeier in Prag drückten sich die meisten EU-Regierungschefs. Sie hielten die Idee für Zeitverschwendung.

Nun aber könnte Ende November in der litauischen Hauptstadt Vilnius die Anbindung des östlichen Randes Europas an die EU gelingen, der Export westlicher Werte bis tief in den Osten hinein. Dann soll die Ukraine als erstes – und wichtigstes – der sechs Länder das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen.

Doch was für die EU zum Triumph werden könnte, sieht Russland als ernste Bedrohung. Der bevorstehende Vertragsschluss alarmiert die Führung in Moskau. Um jeden Preis will sie verhindern, dass sich die Ukraine enger an die EU bindet und damit Russland verloren geht.