Am dritten Spieltag geht es endlich zur Sache. Der gestandene Schachweltmeister Viswanathan Anand und sein jugendlicher Herausforderer Magnus Carlsen verstricken sich in einen komplexen Kampf, der die schnellen Remisen der ersten beiden Runden verblassen lässt. Zum dritten Mal aber ist es der erfahrene Inder, der leichte Vorteile hat, nicht der Bengel aus Oslo. Am Schluss dieser Partie, kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe, reicht es für keinen von beiden zum Sieg – unentschieden.

Sie spielen in Chennai, Anands Heimatstadt, von der man in Deutschland kaum je gehört hat, obwohl dort mehr als acht Millionen Menschen leben. Chennai hieß früher Madras, so wie Kolkata Kalkutta hieß und Mumbai Bombay. Viele Städte haben sich umbenannt, um das koloniale Erbe abzustreifen und im Rückgriff auf traditionelle Bezeichnungen neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Dass jetzt Medien von der Tagesschau bis zum Time Magazine aus Chennai berichten, hat auch mit einer Tradition zu tun, einer intellektuellen. Seit 1886 gibt es die Weltmeisterschaft im Schach, nun findet die erste in Indien statt. Der Titelträger Anand, 43, ein polyglotter Brahmane, ist nach Jahren des Spielens in Europa nach Hause zurückgekehrt, um seinen Titel zu verteidigen. Als Herausforderer tritt ihm ein junger Norweger entgegen, dessen Talent und schiere Kraft nur von seiner Schnoddrigkeit übertroffen wird. Magnus Carlsen, 22, ist – gemessen an seinen Turniererfolgen – der stärkste Schachspieler, den die westliche Welt je hervorgebracht hat, stärker noch als der legendäre Amerikaner Bobby Fischer, der in Island begraben liegt, dem Land seines größten Triumphs. Mitten im Kalten Krieg hatte er dort im Jahr 1972 Boris Spasski entthront und der Sowjetunion die jahrzehntelange Alleinherrschaft über das Brett entrissen.

Indien gilt als Mutterland des Schachs. Von hier aus soll vor weit mehr als tausend Jahren das königliche Spiel, in dem anfangs der Alfil und der Wesir mitmischten, nach Arabien und Spanien gezogen sein und gemächlich das Abendland erobert haben, Generation um Generation. Irgendwann auf diesem langen Marsch, kurz vor dem Jahr 1500, veränderten sich die Figuren und die Regeln. Der Alfil, der nur zwei Felder hatte diagonal ziehen, aber dabei andere Figuren hatte überspringen dürfen, wurde als Läufer zur Distanzwaffe. Und der Wesir, der nur hatte trippeln dürfen, wurde zur langschrittigen Dame, die in einem Zug das ganze Brett überqueren kann.

Seither ist das Spiel unverändert geblieben, mehr als 500 Jahre lang. Allein die Art, wie es gespielt, gedeutet und verstanden wird, hat sich über die Jahrhunderte verändert – und wird sich mit dieser Weltmeisterschaft weiter verändern.

Heute kennen 600 Millionen Weltbürger die Schachregeln. Schach ist eine Benutzeroberfläche, die so universell ist wie Google oder Windows, bloß ohne Strom. Schach ist eine Sprache, die über alle Grenzen hinweg gesprochen wird. Früher dominierte Russland, heute ist Frankreich stark, Schach boomt in China, und gerade jetzt, Mitte November, meldet man aus Indien erstmals die höchste Zahl aktiver Spieler weltweit.

Wie von einer höheren Regie geplant, kehrt das Spiel in diesem Moment auf allerhöchstem Niveau in sein Mutterland zurück, in den Ballsaal des Hyatt Regency, eines Fünfsternehotels in Chennai. In der Präsidentensuite im zehnten Stock hat Weltmeister Anand mit seiner Entourage Quartier bezogen. Gesellschaft leisten ihm seine Frau Aruna sowie seine vier Sekundanten – Meister aus Indien, Polen und Ungarn, die zwischen den zwölf Partien des dreiwöchigen Turniers neue Ideen für ihn testen, last minute gewissermaßen.

Vier Etagen tiefer residiert der junge Herausforderer mit seinen Eltern und den drei Schwestern. Magnus Carlsen verrät nicht, wer ihm sonst noch beisteht, und man schaut besser nicht nach, denn bewaffnete Wächter patrouillieren über die Flure, um ihm – wie auch Anand – die im Hotel umherstreifenden Journalisten vom Leib zu halten. 150 Reporter, Fotografen und Kameraleute sind bei der WM akkreditiert, hier führt Indien vor Norwegen.

Die großen indischen Zeitungen berichten täglich seitenlang. Je nach Anspruch reicht das Spektrum von freihändiger Beschwörung des Spielverlaufs bis hin zum Porträt von Carlsens Leibarzt, einem Kardiologen, der seinem Helden jeden Tag den Puls fühlt. Das norwegische Fernsehen zeigt den Zweikampf, dessen Partien bis zu sieben Stunden dauern können, von morgens um halb elf an live im ersten Programm. Das hat es wohl nicht einmal in der Sowjetunion gegeben.