Jugendstudien sind rar in der Schweiz. Das hat seine Gründe: Zu unterschiedlich sind die Biographien der 16- bis 25-Jährigen. Die einen haben ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen, wenn andere schon im Berufsleben stehen und Dritte bereits eine Familie gegründet haben. Trotzdem versucht das Jugendbarometer, das unser Forschungsinstitut für das Bulletin der Credit Suisse erstellt, seit einigen Jahren eine Übersicht über die Trends in der Schweiz und im Ausland herauszufiltern. Dazu sechs Thesen.

1. Arbeit

Die Schweiz ist eine Insel – jedenfalls im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit. Fast alle Schweizer Jugendlichen finden einen Job. Das steht im krassen Gegensatz zum Ausland, wo die aussichtslose Suche nach Arbeit die Hoffnungen auf ein gutes Leben einer ganzen Generation bricht. Wenn die Schweiz in dieser Hinsicht Konkurrenten hat, dann sind es die skandinavischen Länder, die ähnlich glücklich und reich sind wie wir. Bei uns stellt sich die Jugend nicht die Frage, ob sie Arbeit findet, sondern welche Arbeit die richtige für sie ist. Das ist natürlich ein Wohlstandsphänomen, aber kein Nachteil. Wir leben in einer Gesellschaft, die noch Hoffnungen zulässt. Wenn es noch so etwas wie einen American dream gibt, dann findet man den in der Schweiz. Hier kann man ihn noch leben, wenn man will. Wer das nicht will, der sieht die internationale Entwicklung als eine Drohung und fürchtet sich vor dem eigenen Abstieg.

2. Politik

Im Gegensatz zu den Bewohnern anderer Länder binden sich die Schweizer wieder öfters an eine Partei. Das gilt auch für sehr politische Jugendliche. Seit zehn Jahren haben die Jungparteien wieder Zulauf, zum Teil sogar stärkeren als ihre Mutterparteien. Bis 2007 war die SVP für viele Jugendliche attraktiv. Gegenwärtig erleben wir aber eher eine Identifikation mit den Jungsozialisten. Die Mehrheit der Jugendlichen lebt ihr Leben relativ weit weg von der institutionalisierten Politik. Dabei bewegt vor allem ein Thema: die Auseinandersetzung mit den Fremden in diesem Land. Sei es in der Schule oder bei der Arbeit, überall ist das die dominierende Frage. Betrachtet man das private Umfeld der Jugendlichen finden sich jedoch durchwegs positive Einstellungen gegenüber Ausländern. Man kann demnach nicht sagen, die Schweizer Jugend sei an sich ausländerfeindlich. Sie ist in dieser Frage gespalten. Man findet Ausländerfreunde und -feinde. Bemerkenswert ist, dass die Jugendlichen heute stärker als früher in die politische Debatte einbezogen sind – vor allem medial. Aber daraus entsteht kein geordnetes Engagement. So liegt die Stimmbeteiligung bei jungen Menschen oft unter 20 Prozent. Die anderen 80 Prozent bilden sich zwar eine Meinung, nehmen aber nicht teil an den Abstimmungen und Wahlen.

3. Werte

Ohne Zweifel, wir leben in einer Phase, in der das Konservative positiv besetzt ist. Nicht nur unter den Jugendlichen, aber auch. Im Gegensatz zu den neunziger Jahren, als das Urbane bevorzugt wurde, erleben wir heute ein Wiedererwachen des Ruralen. Traditionelle Werte wie Familie und Kinder, aber auch verlässliche Freunde stehen hoch im Kurs – zugleich ist man offen für Neues. Zwei Generationen zuvor spaltete die Polarisierung zwischen Materialismus und Postmaterialismus die Jugend noch; heute zeigt sich das nur noch darin, ob man links oder rechts steht. Fast unabhängig davon ist man Schweiz-bezogen, heimatorientiert, umweltbewusst. Religiöse Werte haben es dennoch schwer, sich auszubreiten. Der Postmaterialismus zeigt sich insbesondere bei der Arbeitseinstellung: Die Vorgängergeneration wollte performen. Leistung wurde großgeschrieben, der Verdienst leitete das Handeln. Dafür war man bereit, beispielsweise die Kinderfrage hintanzustellen. Das ist heute anders. Es wird eine Balance gesucht zwischen den verschiedenen Anforderungen der Selbstentfaltung in Arbeit, Freizeit und Familie.

4. Medien

Die größte Veränderung zeigt sich beim Medienkonsum der Jugend. Die neuen Medien spielen eine enorme Rolle. Die Nachkriegsgeneration ging davon aus, dass die Alten Vorbilder für die Jungen sind. Heute geschieht die Identifikation viel eher unter Gleichaltrigen – was insbesondere von den Sozialen Medien begünstigt wird. Die Vorbildfunktion des Elternhauses hat drastisch abgenommen. Die Sozialisation verläuft nicht mehr via Mutter und Vater, zunehmend auch weniger über die Schule, aber mehr über die Jugendlichen selbst. Ja, sie werden gar zu Vorbildern für ihre Eltern und Großeltern. Das hat es noch nie gegeben. Dabei ist der Medienkonsum fluide. Die Angebote kommen in rascher Folge, und ihre Nutzung ändert sich ebenso schnell. Heute ist die Verwendung von SMS rückläufig, vielleicht auch der Facebook-Hype; angesagt sind Smartphones und WhatsApp-Chats. Der Medienkonsum setzt den eigentlichen Gegentrend zum Heimatbezug, denn er öffnet der Schweizer Jugend die Welt – und er erlaubt gruppenspezifische Identitätsbildungen.

5. Berufswahl

Die Entwicklungen in der Wirtschaft haben die Vorlieben der Jugendlichen bei der Berufswahl verändert. Eine Bankkarriere hat an Renommee verloren. Beliebt sind Medienberufe, aber nicht die traditionellen im Journalismus, sondern die modernen, die Träume, Kreativität und Innovation zulassen. Gern möchte man auch in krisenresistenten Branchen arbeiten, im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich und im Tourismus. Teilweise hat das mit dem Geschlechterwandel der Generationen zu tun, denn junge Frauen wollen heute nicht nur gleichberechtigt in die Schule gehen, sie fordern ihre Rechte auch auf dem Arbeitsmarkt ein. Die Eltern in ihrem Wohlstand zu übertreffen ist gerade im internationalen Vergleich nur noch zweitrangig. Vielmehr will man als heranwachsende Persönlichkeit respektiert werden.

6. Zukunft

Ist die Schweizer Jugend von heute einfach bünzlig, wie Medienporträts, geschrieben von Nichtjugendlichen, gern glauben machen? Dem Selbstbild der jungen Menschen von heute entspricht das nicht. Sich selbst sehen Jugendliche als veränderungswilliger, fürsorglicher, egalitärer als die restliche Gesellschaft. Der Schweiz vertraut man dennoch, weshalb man gern hier lebt. Die Zukunftserwartungen sind mehrheitlich optimistisch. Ideale stehen hoch im Kurs, Experimente und Glück auch. Darin unterscheidet sich die Jugend, vor allem von den Altersgenossen im Ausland, wo materielle Sorgen dominieren. In der Schweiz wachsen Jugendliche mit einem anderen Lebensgefühl heran: Sie wollen mehr vom Leben.