In der SPD ist die Gewissheit so zu Hause wie Sigmar Gabriel in Goslar. Allein die soziale Gerechtigkeit führt zum sozialdemokratischen Glück, Peer Steinbrück trägt die Schuld am jüngsten Wahldebakel, von Schwarz-Grün kann die SPD nur profitieren, die Arbeitswelt ist die wichtigste aller Welten, Große Koalition ist Mist, vorn ist, wo die Partei ist.

Diese Gewissheiten will der Vorsitzende erschüttern. In dieser Woche auf dem Parteitag in Leipzig – und danach erst recht.

Gabriel weiß, dass sich die SPD ändern muss, in ihrem Habitus wie in ihrem genetischen Code, wenn sie wieder Anschluss finden will an die gesellschaftliche Moderne. Nur so, das weiß er auch, kommt sie raus aus dem 25-Prozent-Ghetto der letzten beiden Bundestagswahlen. "Perspektiven. Zukunft. SPD!" lautet entsprechend aufbruchsfroh der Titel des Leitantrages, den der Vorstand den Delegierten in Leipzig vorlegen wird. Gabriel will die SPD in eine Zukunft führen, die nicht mehr geprägt ist von alten Gewissheiten. Stärke soll ihr aus neuer Vielfalt erwachsen. Ist Sigmar Gabriel also der Mann, der die SPD rettet?

Womöglich. Aber er zahlt dafür einen Preis – und der ist nicht gering.

Gut sechs Wochen nach der Wahl präsentieren sich die Sozialdemokraten in den Verhandlungen mit CDU und CSU so, wie es nach der 25,7-Prozent-Schlappe kaum möglich erschien: ebenso mächtig wie der große Wahlsieger Union mit seinen 41,5 Prozent. Und sogar durchsetzungsstärker. In den Arbeitsgruppen, die einen Koalitionsvertrag vorbereiten sollen, setzen die Sozialdemokraten die Themen, sie dominieren die mediale Wahrnehmung. Nicht Kanzlerin Angela Merkel, die strahlende Heldin vom 22. September, ist in diesen Tagen die treibende Kraft der deutschen Politik, sondern Gabriel, der vermeintliche Parteichef auf Abruf. Vor dem Absturz hat Gabriel die SPD schon mal gerettet. Und sich selbst auch.

Gabriel hat den Machtkampf für sich entschieden, noch bevor er begann

In den Wochen vor der Wahl drohte ein Machtkampf in der SPD. Eine Promi-Riege warf Gabriel vor, sich Steinbrück gegenüber nicht immer loyal verhalten und dessen Wahlkampf mit Sponti-Aktionen – er forderte etwa ein Tempolimit und zog dann zurück – massiv geschadet zu haben. Außerdem hatte sie seine Launen satt. Geht Steinbrück baden, dann geht Gabriel unter, so die Erwartung. Als die Rebellen springen mussten, verlor Hannelore Kraft, Vorzeigefrau der Gabriel-Kritiker, die Nerven und verhedderte sich im Nirgendwo zwischen chronischer Ablehnung einer Großen Koalition und akuter Sondierungsbereitschaft. Gabriel blieb, typisch in Krisen, ruhig. Für sein Auftreten intern wie gegenüber der Union sammelte er so viel Lob ein, dass der Machtkampf entschieden war, bevor er ausbrechen konnte. Seitdem ist Gabriel so stark wie unmittelbar nach seiner Dresdner Antrittsrede vor vier Jahren nicht mehr. Ein SPD-Chef mit Macht kann eine Kanzlerin ganz anders herausfordern als ein Kandidat ohne Glück.

In die Verhandlungen mit der Union hat Gabriel alle SPD-Ministerpräsidenten entsandt. Davon gibt es neun – und jeder einzelne tritt überaus selbstbewusst auf und droht offen mit einem Nein im Bundesrat; ohne die SPD-Mehrheit dort läuft in einer Großen Koalition gar nichts. Gabriel hat die Macht des Ländergremiums eingesetzt, um den Wahlverlierer auf die Höhe des Siegers zu führen. Und dann hat er dessen Schwäche ausgenutzt.

Wie soll die Union viel erreichen, wenn sie nur wenig Inhalt hat? Im Wahlkampf haben CDU und CSU allein auf die Popularität der Kanzlerin gesetzt. Motto: Ein Programm braucht nur, wer keine Merkel hat. Das rächt sich nun. Mit Genuss lässt Gabriel die SPD alles auf den Verhandlungstisch legen, was sie im Wahlprogramm hatte. Das ist eine Menge. Wenn die Wähler, so dachte Gabriel, unbedingt eine Kanzlerin Merkel mit SPD-Programm haben wollen, sollen sie das auch bekommen. Fehlte ja nur noch das Programm. Vieles davon ist, wie Umfragen zeigen, ungebrochen populär, vom Mindestlohn bis zur Vermögensteuer.