Ihr Vater versprach sich von ihrer Heirat mit dem zwölf Jahre älteren Witwer politischen Rückhalt, der ältere Bruder des Bräutigams Gebietsgewinne und eine ansehnliche Erbschaft – die 19-jährige Braut fragte niemand. Sie fügte sich widerwillig, lieber wäre sie ledig und unabhängig geblieben. Die "dolle Hummel", wie sie sich selbst nannte, war in einer zerrütteten Ehe aufgewachsen. Vier Jahre, die glücklichsten ihrer Kindheit, hatte sie bei ihrer weltklugen Tante gelebt.

Nach Konversion und Stellvertreter-Trauung stand sie erschöpft von der Reise und schlicht gekleidet ihrem Ehemann gegenüber. Dieser präsentierte sich frisch geschminkt in edelsteinbesetztem Gewand und mit farbigen Bändern in der schwarzen Perücke. Ohne Amt und Macht, fühlte sich der Lebemann mit homosexuellen Neigungen am wohlsten bei "seinen Buben", wie sie seine Clique nannte, trank, spielte und teilte fürstliche Geschenke aus. Seinen dynastischen Pflichten genügte er, doch nach der Geburt des dritten Kindes verschwand er für immer aus dem Ehebett.

Sie fühlte sich unwohl am Hof, allein der "große Mann" stand ihr als wohlwollender Freund zur Seite. Trotz ihres hohen Rangs besaß sie keinen Einfluss; Intrigen und der Hass der "Buben" trafen sie wehrlos. So pflegte sie ihre kleinen Fluchten, das Theater und die Jagd. Ihre große Leidenschaft war das Schreiben von Briefen. Sie sei ein "Tintenozean", hieß es spöttisch, denn sie schrieb, wann immer sie Zeit fand. Ihre Adressaten waren über Europa verstreut, besonders intensiv war der Austausch mit ihrer verehrten Tante und Trösterin. Ungeschützt, manchmal mokant und derb berichtete sie aus ihrer Welt, schonte niemanden, vor allem nicht die neue Favoritin des großen Mannes, "die alte Zott" und "alte Hutzel". In ihr sah sie die Ursache für die Entfremdung des großen Mannes und ihre Isolation.  Spät näherte er sich wieder an, half ihr sogar, den riesigen Schuldenberg abzutragen, den ihr Gatte hinterlassen hatte.

In ihren letzten Jahren war sie erste Frau im Staat, langweilte sich aber oft und fing dann Fliegen in kleinen Gläsern mit Honig und Wasser. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 46:

Thomas Bernhard (1931 bis 1989) zählte seit dem Erscheinen des Romans "Frost" 1963 zu den großen österreichischen Prosa- und Theaterautoren und galt als einer der heftigsten Kritiker und Provokateure seines Landes. Die Zitate stammen aus Interviews mit der TV-Journalistin Krista Fleischmann