Hohe Absätze, glänzendes Leder in verschiedenen Blautönen, scharfkantige Schnallen: Mit ihrer radikal geometrischen Form verkörpern diese Stiefeletten exakt den Geist von Jil Sander. Die Designerin, die vor fast 70 Jahren in der Nähe von Hamburg zur Welt kam, gehört zu den bekanntesten Figuren der Modewelt – neben einem gewissen Karl Lagerfeld. Vom Kultstatus des Chanel-Chefdesigners ist sie allerdings Lichtjahre entfernt: Jil Sander bleibt auch nach all den Jahren eine ambivalente, schwer zu greifende Persönlichkeit. Ihre Popularität ist wesentlich raffinierter als die von Lagerfeld, dem König der "Pop Art Fashion" – und damit natürlich ganz in Sanders Sinn. Denn das Kompromisslose, für das die Marke steht, funktioniert nur über Exklusivität und Ausgrenzung. Auch Sanders Werdegang zeugt von Absolutheit: Zweimal hat die Designerin das von ihr gegründete Haus verlassen, zweimal kam sie zurück. Jetzt, nach der Präsentation der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2014, hat sie erneut ihren Rückzug aus dem Unternehmen verkündet – aus "persönlichen Gründen".

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Für ihr vorerst letztes Comeback im Jahr 2012 hatte Sander den idealen Moment gewählt: Der Minimalismus, den sie in den neunziger Jahren geprägt hatte, erlebte gerade eine triumphale Rückkehr. Klar, dass der Königin des Minimal Look nun alle Laufstege offenstanden. Ihre Kollektionen entsprachen genau den Erwartungen: Streng geometrische Mode für geistige Puristen.

Sanders Eleganz des Kerzengeraden findet sich auch in den Schuhen wieder, denn von Geschmeidigkeit kann hier wirklich keine Rede sein. Schon wenn man das Foto betrachtet, hört man die Absätze hart auf den Boden knallen und ahnt, wie schwierig es ist, den Fuß darin überhaupt zu bewegen. Die ganze Konstruktion schreit nach einer dicken Strumpfhose, einem unangenehm stiftigen Rock und einem Mantel, der so gerade ist, dass er jede Form von Körpersprache gefährdet. Sanders Entwürfe sind bewusst antisexy – sie verkörpern jene deutsche Klarheit, wie man sie aus der Bauhaus-Zeit oder auch von der deutschen Autoindustrie kennt. Mit ihrem funktionalen Pragmatismus hat Jil Sander bewiesen, dass Strenge durchaus ästhetische Eigenschaften mit sich bringt und kein Synonym für geistige Unbeweglichkeit ist. Zum Fallenlassen und Entspannen laden ihre Kleidungsstücke und Accessoires nicht unbedingt ein. Aber dafür gibt es ja Leggings und Birkenstock-Sandalen ... Die wiederum stehen für ein ganz anderes Lebensmodell.

Die Autorin ist Moderedakteurin bei "M", dem Magazin von "Le Monde"