Theologie braucht Debatte. Sonst kann sie sich nicht entfalten. Sie lebt von Argumenten und Gegenargumenten. Sie lebt von der Vernunft, ohne die es keine Wissenschaft des Glaubens gibt. Ohne freie Räume läuft Theologie Gefahr, politisiert und als Machtinstrument missbraucht zu werden.

Ein Beispiel: Unser Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster hatte ein Austauschprojekt mit der Kairoer Universität. Wir wollten, dass auch einige unserer deutschen NachwuchstheologInnen bei einer Konferenz in Kairo referieren. Doch der Dekan in Kairo war von der Idee gar nicht begeistert. Er sagte mir: "Was, wenn die jungen Leute Meinungen vertreten, die politisch nicht in den Rahmen passen?" Man lasse sonst auf Kongressen nur Dekane und etablierte Professoren sprechen. "Dann gibt es auch keine Überraschungen."

Wir waren entsetzt. Doch dann konnten wir die Kairoer Kollegen überzeugen, junge Theologen, auch Frauen, zu hören. Das Experiment war für beide Seiten lehrreich. Verwehrt blieb uns jedoch die Einbeziehung von Reformtheologen. Erst hier in Deutschland, in einer zweiten Phase des Austauschprojektes, durften ihre Positionen vorgetragen werden.

Ein Triumph der Wissenschaft? Anders als in Deutschland wird die islamische Theologie in den meisten islamischen Ländern politisch stark beeinflusst und kann sich daher nicht entfalten. Das hat historische Vorbilder. Etwa die Vertreter der rationalistischen Glaubensschule im Islam, die Mu’tazila, die ihre große Zeit im 8. und 9. Jahrhundert hatten. Sie galten als "rationalistisch", weil sie neben dem Koran und der prophetischen Überlieferung die menschliche Vernunft als normgebende Instanz anerkannten. Das klingt aufgeklärt, doch die Schule scheiterte an ihrer eigenen Intoleranz: Als sie vom abbasidischen Kalifen al-Ma’mun zur Staatsdoktrin erklärt wurde, wollte sie alle Andersdenkenden via Staatsgewalt beseitigen. Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer nennt die Mu’tazila zurecht "Wahrheitsfanatiker": die radikalste und intoleranteste Ausprägung des klassischen Islams.

Damals fand die erste Inquisition samt Gesinnungsprüfungen innerhalb der islamischen Ideengeschichte statt. Muslimische Andersdenkende galten als Feinde der Religion. Es dauerte nicht lange, und die Wut der Bevölkerung auf die Mu’tazila war groß, kaum jemand stand mehr hinter ihrer intoleranten Politik, am Ende wurden sie selbst mit Intoleranz verfolgt. Was lernen wir daraus? Wo die Freiheit der Theologie unterbunden wird, fruchten auch vernünftige Positionen nicht.

Unfreiheit aber beginnt, wo nicht diskutiert wird, wo das Verhandelbare als unverhandelbar gilt. Und umgekehrt: Wo nicht diskutiert wird, wird das Unverhandelbare verhandelbar. Die Geschichte der islamischen Theologie zeigt: Immer dort, wo sich eine Interpretation des Islams auf die alleinige göttliche Legitimation berief, wurden unhintergehbare Werte abgewertet – weltliche (die Unversehrtheit des Einzelnen, die gesellschaftliche Ordnung, der soziale Frieden) ebenso wie religiöse (der Glaube selbst). Die umayyadischen und die abbasidischen Dynastien boten dafür ein dramatisches Beispiel. In beiden Dynastien hieß Unterwerfung vor Gott auch Unterwerfung vor dem weltlichen Herrscher. Seine Politik bestimmte, was als wahr und unwahr galt. Das Ergebnis war eine Glaubensstarre, unter der die islamische Theologie bis heute leidet.

Was ist unverhandelbar in der islamischen Theologie? Erstens: Gott – also die Grundsätze der islamischen Lehre. Zweitens: der freie Geist, der diese Lehre erschließen soll. Wir finden dieses Moment der Freiheit beim Propheten Mohammed. Er sagt: Gott vergibt den betroffenen Menschen keine Sünden, ehe die Menschen sie selbst vergeben. Das heißt: Gott vergibt nicht über unsere Köpfe hinweg. Der freie Mensch steht im Zentrum göttlichen Interesses.

Diese Freiheit betrifft auch die islamische Tradition. Wo sie unreflektiert bleibt, dort ist sie unfruchtbar für die heutige Theologie. Wo sie aber diskutiert wird, eröffnet sie Horizonte. Denn Tradition ist ein Teil des Weges, nicht das Ziel. Wenn die islamische Theologie vorwärtsgewandt sein will statt rückwärtsgewandt, braucht sie einen freien institutionellen Rahmen und freie Geister. Nein, Freiheit heißt nicht Beliebigkeit. Freiheit heißt für uns Wissenschaftler, kritische Distanz zu den eigenen Positionen zu wahren. Nur so können wir immer neu über Gott nachdenken. Der Koran fragt kritisch: "Wenn nun aber die Väter nichts verstanden haben und nicht rechtgeleitet waren?"

Glauben braucht Debatte. Wenn wir eine islamische Theologie in Deutschland etablieren, geht es nicht um den Kampf zwischen konservativen und liberalen Muslimen. Es geht um einen Gott, der von den Menschen verstanden werden will. Es geht um eine Debatte in Freiheit.