Die Realität ist nicht genug. Wir brauchen Fantasie, Träume, Geschichten – ohne sie ist das Leben nicht viel wert. Meiner Meinung nach gilt das für den Einzelnen genauso wie für den sozialen Kontext: Wenn eine Gesellschaft den Raum für Träume und Visionen verliert, droht die Diktatur.

Träume haben für mich schon immer eine große Rolle gespielt. In meiner Kindheit hatte ich immer wieder Albträume, in denen Tiere mich bedrohten. Häufig waren es Ratten, aber auch Katzen oder Hunde, die nach mir schnappten. Ich erinnere mich an die aufgerissenen Mäuler der Tiere, es war sehr gruselig. Möglich, dass sich in diesen Träumen meine Kastrationsangst manifestiert hat. Heute habe ich solche Träume zum Glück nicht mehr, anscheinend habe ich keine Angst mehr um meinen Penis.

In meiner Arbeit vertraue ich immer wieder dem Unbewussten. Wenn ich Probleme mit einem Drehbuch habe oder einen Charakter nicht zu fassen bekomme, dann passiert es häufig, dass ich morgens wach werde und merke, dass sich in der Nacht in meinem Kopf eine Lösung herausgebildet hat. Ich kann nicht sagen, ob sie aus meinen Träumen geboren wurde, aber in irgendeiner Weise hat mein Unbewusstes in der Nacht gearbeitet und ist zu einem Ergebnis gekommen.

Als ich jünger war, habe ich meine Träume gleich nach dem Aufwachen aufgeschrieben. Heute bin ich zu bequem dazu. Außerdem ist es nicht so leicht, Träume in all ihrer Komplexität zu erfassen. Aber auch wenn ich mich heute seltener an konkrete Träume erinnere, geschieht es oft, dass ich morgens mit einem Glücksgefühl wach werde und weiß, dass dieses Gefühl aus meinen Träumen stammt. Leider verblasst dieser Effekt dann im Laufe des Tages. Als ich jung war und an einem meiner ersten Kurzfilme arbeitete, hatte ich große Probleme mit einer jungen Schauspielerin, die eine Serienkillerin spielen sollte. Während der Dreharbeiten schien für sie die Grenze zwischen der Figur und ihr selbst zu verschwimmen. Ich hatte wirklich Angst, sie würde den Verstand verlieren. Dann hatte ich einen sehr eindringlichen Traum, in dem ich mit diesem Mädchen über ihre Rolle, ihre Arbeit und unseren Film sprach. In diesem Traum war ich klar, eindeutig und überzeugend. Als ich wach wurde, wusste ich: Genau so musste ich mit ihr reden! Und es hat tatsächlich funktioniert.

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So hilfreich und erfreulich sind meine Träume allerdings nicht immer. Als Teenager habe ich in meinen Tagträumen meine Eltern getötet, immer und immer wieder. Ich war sehr wütend, zerrissen, neurotisch, ich spürte dunkle, gewalttätige Kräfte in mir, die ich ausleben musste. In meinem ersten Kurzfilm habe ich schließlich meine Eltern von meinem Bruder umbringen lassen. Meine Eltern haben sogar mitgespielt. Es war ihnen lieber, im Film getötet zu werden als in der Realität. Meine Arbeit hat mir seitdem häufig geholfen, meine dunklen Sehnsüchte und Begierden auszuleben, ohne zum Verbrecher zu werden.