Sie ist praktisch, zuverlässig, gilt als Symbol der Freiheit und der Emanzipation: die Pille. Lange war sie das bei Weitem beliebteste Verhütungsmittel der Französinnen. Doch jetzt gilt das offenbar nicht mehr. Seit sie im Dezember vergangenen Jahres mit mehreren tragischen Vorfällen in Verbindung gebracht wurde, wendeten sich mehr als eine Million Frauen von der Antibabypille ab. Diese Zahl veröffentlichte die Nationale Agentur für die Sicherheit von Medikamenten (ANSM) vor wenigen Tagen in Paris.

Vor allem der Absatz mit Pillen der sogenannten dritten und vierten Generation ging zurück. Vergleicht man den Zeitraum von Dezember 2012 bis August 2013 mit demselben Zeitraum ein Jahr zuvor, sank der Verkauf dieser Medikamente in Frankreich um 36,6 Prozent. Diese Sorte Pillen kam in den neunziger Jahren auf den Markt. Im Gegensatz zu den Vorgängerinnen – den Pillen der ersten und zweiten Generation – sollten sie weitaus weniger Nebenwirkungen haben; so führten sie unter anderem zu weniger Gewichtszunahme. Dass sie aber zugleich höhere Risiken für Thrombosen, Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit sich bringen können, wurde lange Zeit nicht so ernst genommen.

Zum Skandal wurde das Thema, nachdem eine junge Frau dem Konzern Bayer die Mitschuld an einem Hirnschlag gegeben hatte. Marion Larat hatte dessen Pille Meliane erst einige Monate lang eingenommen, als ihre Eltern sie bewusstlos im Badezimmer fanden. Da war sie gerade erst 24 Jahre alt. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, blieb die Französin halbseitig gelähmt und litt an einer Sprachstörung. Larat zeigte das Unternehmen an, Bayer bestreitet die Vorwürfe bislang.

Obwohl der Fall juristisch noch nicht geklärt ist, verursachte er eine beachtliche Kettenreaktion: Hunderte Frauen äußerten sich plötzlich, offenbarten ihr Martyrium und brachten es mit verschiedenen hormonellen Verhütungsmitteln in Zusammenhang. In Medien und Internetforen berichteten sie über Schlaganfälle, Lungenembolien, Thrombosen, Infarkte und Tumore. Hauptsächlich wurden Pillen der dritten und vierten Generation beschuldigt. Zu den am häufigsten erwähnten Pillen gehörte Diane 35, ursprünglich ein Verhütungsmittel, das aber auch gegen Akne zugelassen war und verschrieben wurde.

Zu Beginn dieses Jahres griff Gesundheitsministerin Marisol Touraine hart durch. Zunächst hob sie die Kostenerstattung für Pillen der dritten und vierten Generation auf. Seitdem muss jeder, der das Medikament nehmen will, selbst zahlen. Ende Mai folgte ein Verbot besagter Pille Diane 35, die im Verdacht steht, mit dem Tod von mindestens vier Frauen zu tun zu haben.

Auch wurden erste offizielle Zahlen veröffentlicht. Die ANSM bestätigte, dass die Antibabypille – also sämtliche Generationen aller Hersteller zusammengenommen – in Frankreich für 2529 venöse Thromboembolien verantwortlich gewesen sein soll, in einem Jahr. Das entspricht zwar nur 0,06 Prozent der vier Millionen Französinnen, die die Pille nehmen – doch 20 dieser Fälle endeten immerhin tödlich. Besonders kritisch sieht die ANSM die Pillen der dritten und vierten Generation, die letztlich weitaus größere Risiken bergen als ältere Medikamente.