Endlich kommt es mal auf ihn an. Ausgerechnet Volker Bouffier, "der Buffe", der letzte CDU-Sheriff, könnte der Mann sein, der in Hessen für seine Partei eine Kulturrevolution ausruft: die erste Regierung aus CDU und Grünen in einem Flächenland. Woran Angela Merkel in Berlin gescheitert ist, das soll ausgerechnet dem 62-jährigen Volker Bouffier in Wiesbaden gelingen? Nirgendwo, in keinem politischen Biotop der Republik, wäre das so erstaunlich wie in Hessen, wo sich die politischen Lager so lange mit solcher Inbrunst gehasst haben. Was ist passiert, dass ausgerechnet Volker Bouffier jetzt auf die Grünen zugeht? Geht es um Machterhalt, oder ist er ein anderer geworden?

Fragt man ihn selbst, wenige Tage vor der letzten, entscheidenden Sondierung mit den Grünen, lehnt er sich weit zurück, den Arm lang über den nächsten Stuhl gebreitet. "Ich muss niemandem mehr etwas beweisen", meint der Ministerpräsident beim Kaffee in einem Sitzungszimmer über dem Bundesratsplenum. Er will jetzt "alles zusammenführen", er will "den Parteien klarmachen, dass es keine letzten Wahrheiten gibt" und dass man versuchen muss, "die Bevölkerung breiter mitzunehmen", wenn es gilt, mit dem Land "zu neuen Ufern" aufzubrechen.

"Neue Ufer"? "Keine letzten Wahrheiten"? "Nichts mehr beweisen"? Alles, was Volker Bouffier in einem einstündigen Gespräch sagt, schreit "Schwarz-Grün"; es fällt kein einziges Argument für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten. "Gerade in Zeiten knapper Kassen muss man fantasievolle, auch mal staatsferne Lösungen finden, die auf die verschiedenen Regionen und Altersgruppen in Hessen passen." CDU-Parteifreunde ergänzen: Nähme man den SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel mit in die Regierung, verliehe man den Sozen neue Wählbarkeit. In vier Jahren müsse sich Bouffier dann aufs Altenteil zurückziehen, während Schäfer-Gümbel als der junge, dynamische Macher dastehe. Mit den Grünen blieben außerdem weitaus mehr Ministerposten für die CDU. Und dann die Schuldenbremse: Sparen, so heißt es in der CDU, könne man mit den Grünen besser als mit den Sozialdemokraten, deren Basis sich sehnlich Rot-Rot-Grün wünscht und denen man viel Soziales bieten müsse, damit sie es mit Bouffier und seinen Leuten aushielten.

Aber bei Bouffier selbst klingt es nach mehr. Es klingt, als sei die Koalition mit der Ökopartei ein lang gehegter Wunsch, ein Befreiungsschlag, der längst einmal fällig war, vielleicht so eine Art späte Reue für das viele Porzellan, das man in der Rocko-Ära zerschlagen hat – in der Kampfgemeinschaft mit seinem Amtsvorgänger Roland Koch.

Bei der hessischen SPD reibt man sich verwundert die Augen über die neue Milde des Regierungschefs und die spürbare schwarz-grüne Annäherung. Eine SPD-Abgeordnete, die den Ministerpräsidenten seit Jahren kennt, muss gerade jetzt an die alten Zeiten denken, die noch gar nicht so lange zurückliegen. Noch im Frühjahr 2010 hatte sich der Landtag in einem Untersuchungsausschuss mit Volker Bouffiers Amtsgebaren beschäftigt, und das nicht zum ersten Mal. Es ist nicht nur der Hardliner Bouffier, an den die Abgeordnete denkt, die ihren Namen derzeit nicht in der Zeitung lesen möchte, weil SPD und CDU sich kommenden Montag noch einmal zur Sondierung treffen.

"Es ist das Halbseidene, das einmal um den Ministerpräsidenten und früheren Innenminister war", sagt sie, es sind "die vielen Affären, diese abenteuerliche Rechtsauffassung", ein Hauch von Las Vegas. In Berlin hat man vieles vergessen oder nie gewusst – in Hessen weiß es jedes Kind. Da war zum Beispiel die Sache mit der Mafiakatze.

Es war 1999, das Jahr, in dem Bouffiers Amtsvorgänger Roland Koch mit einer Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft eine verloren geglaubte Wahl herumriss. Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals gegen den Anwalt Volker Bouffier wegen Parteiverrats – er soll in einem Rechtsstreit zwischen zwei Eheleuten beide Seiten beraten haben. Gerade als sich der Landtag damit beschäftigen will, taucht im Garten des Innenministers ein blutiger Kadaver auf. Die Katze sei mit Schleifen versehen gewesen, hatte Bouffier berichtet, "wie man das eigentlich von der Mafia kennt, richtig eindrucksvoll". Monate später musste Bouffier eingestehen, dass er besagte Schleifen nie gesehen hatte. In letzter Not hatte er seinen eben verstorbenen Vater als Kronzeugen zitiert. Tarek Al-Wazir und die SPD-Fraktionsvize Nancy Faeser, die Bouffier damals fassungslos gegenübersaßen, konnten die Sache nicht aufklären, bis heute nicht.