Wien, Armbrustergasse 15: Zwei Herren sitzen im Garten der Kanzlervilla und beraten intensiv, wie die Weltgeschichte verändert werden könnte. Kein anderer deutscher Regierungschef besuchte so häufig Österreich in historischer Mission wie Willy Brandt – dank seiner Lebensfreundschaft mit Bruno Kreisky. Zwei Erinnerungen.

Von Willy lernen

Von Franz Vranitzky

Die erste Begegnung zwischen Willy Brandt und seinem um drei Jahre älteren Zeitgenossen Bruno Kreisky fand Brandt-Biograf Gregor Schöllgen zufolge bereits 1936 in Brünn statt. Jeder der beiden kommt aus der sozialdemokratischen Schüler- und Jugendbewegung, Kreisky stand während der Dollfuß-Diktatur vor Gericht und saß und im Gefängnis.

Diese erste Begegnung in Brünn war der Grundstein für eine der wichtigsten politischen Freundschaften. Im skandinavischen Exil begegneten sie einander wieder, und gewiss betrachteten sie es als Höhepunkte ihrer ungewöhnlichen politischen Laufbahnen, dass sie – der eine 1969, der andere 1970 – innerhalb eines halben Jahres als Bundeskanzler die Regierungsverantwortung in jenen Ländern übernehmen konnten, deren Regime sie in Zeiten der Diktatur von draußen bekämpft hatten.

Die Intentionen, die grundsätzlichen Ideen, die Wege Brandts und Kreiskys gingen fast nie auseinander. Fast. Für die Nahostpolitik Kreiskys mit der frühen Anerkennung von Arafats PLO als unverzichtbarem Faktor im Prozess der Friedenssuche in diesem so geplagten Teil der Erde mochte Brandt sich nicht wirklich erwärmen.

Über Jahre und Jahrzehnte gefielen sich Gegenspieler von Brandt und Kreisky darin, die Sozialdemokraten in ein Eck zu drängen, in welchem sich auch die osteuropäischen Kommunisten befanden. Mit Erfolg wehrten die beiden und ihre Parteien diese Abstempelung ab. Auf die – gar nicht hypothetische – Frage "Was haben wir von Willy Brandt und was aus seiner Zeit gelernt?" gibt es sicherlich Dutzende Antworten.

Einige Gedanken seien herausgegriffen. Brandt besticht bis heute durch seine Internationalität. Er lebte Außenpolitik und deren Stellenwert vor. Die Nord-Süd-Initiative, die Studie über Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gegenüber der Dritten Welt – zusammen mit Olof Palme und Bruno Kreisky. Und über allem die Ostpolitik und die Friedenspolitik.

Der Friedensnobelpreisträger sagte 1975 in New York: "Nicht nur Spannungen sind ansteckend, auch Entspannung überträgt sich. Heute bezweifelt niemand mehr, dass der Prozess der Ablösung von Konfrontation durch Kooperation in Europa weitergeführt werden muss und kann."

Willy Brandt führte mit seinem unermüdlichen Engagement auch nach seiner Regierungszeit die Sozialistische Internationale (SI) zu neuer Blüte. Das Grenzüberschreitende, das Allumfassende waren ihm stets Anliegen. In diesem Fall inhaltlich (eine hörbare sozialdemokratische Stimme in Europa) wie auch organisatorisch (das außerordentlich schwierige Heranführen sozialdemokratischer Parteien in Entwicklungsländern an die weltumspannende Familie Gleichgesinnter). Sein Nachfolger Pierre Mauroy genügte dem Brandtschen Anspruch gerade noch. Danach regierte Schwäche die SI. Bis heute.

Brandt musste mit Niederlagen leben, aber – so Egon Bahr in seinem Buch Das musst du erzählen – er stand immer wieder auf.

Europa leistet sich 21 Jahre nach Willy Brandts Ableben einen riskanten Zustand. In einer Zeit, in der es gute Voraussetzungen gab, sich als Großmacht – mehr als 500 Millionen Menschen – solide zu etablieren und im weltweiten Wettbewerb intellektuell, kulturell, ökonomisch und sozial zu reüssieren, haben sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die traditionell staatstragenden europäischen Parteien – Sozialdemokraten und Konservative – so schlecht aufgestellt, dass sie Gefahr laufen, sehenden Auges von den mehr rechts- als linkspopulistischen, zukunftsfeindlichen Krawallgruppen überholt und ausgebootet zu werden.

Im Interesse der noch als solche zu schaffenden Großmacht Europa sollte man zwei Nobelpreisträgern zuhören: dem amerikanischen Ökonomen Michael Spence und Willy Brandt. Spence fordert sein Leitwährungsland auf, verantwortungsbewusst internationale Verpflichtungen nicht innenpolitischen Streitigkeiten hintanzustellen. Und dem Lebenswerk Willy Brandts kann mühelos entnommen werden, dass die "Supermacht" Europa ihren Urzweck dann erfüllen wird, wenn sie den Nationalismus überwindet.

Dieses würde die Politik zur Politik zurück- und von der einfältigen Formel wegführen, den Staat wie ein Unternehmen leiten zu wollen und in Society-Clubs mit an die Politik gerichtetem Managementvokabular um sich zu schmeißen.