Im Gegensatz zu dem, was deutsche Sterneköche und ihre PR-Büros uns weismachen wollen, hat die traditionelle deutsche Küche nicht viel zu bieten. Das ist nicht schlimm, das gilt für die meisten Länderküchen: Sie begeistern nicht, sie ernähren. Es geht nicht mal wieder um den deutschen Minderwertigkeitskomplex. Niemand unterstellt einem Franzosen Selbsthass, der zugibt, dass französische Flugkapitäne praktisch kein Englisch können. Machen wir uns nichts vor: Deutsche Rezepturen haben nur einen kleinen Beitrag zum kulinarischen Fortschritt der Menschheit geleistet.

Die Wurst aber gehört unbedingt dazu. Eine Thüringer Bratwurst zaubert Menschen in der ganzen Welt ein Lächeln auf die Lippen. Die Ahle Wurscht: ein Meisterstück nordhessischer Metzgerskunst. Dass die Wurst so beliebt ist, liegt wohl am unwiderstehlichen Geschmack nach Fett, Fleisch und Salz und am Frivolen, das Form und Namen zu eigen ist. Und wie poetisch, dass aus Unschönem – Innereien, Blut, Schwarten, Schweinedarm – etwas Schönes erwächst.

Deutsche Würste werden nicht, wie deutsche Schriftsteller, auf Briefmarken konserviert, während die Welt sich weiterdreht und sie vergisst – nein, die deutsche Wurstkultur ist lebendig. Geht man mittags in eine Metzgerei irgendwo im Land, sieht man es: Es steht dort der Professor neben dem Polizisten, die Ärztin neben der Femme fatale, und alle essen Würste. Die Metzgerei ist, was die Espressobar in Italien und das Straßencafé in Frankreich ist. Die beste französische Blutwurst macht übrigens eine Berliner Metzgerei, an einem idyllischen Platz im Problemkiez Neukölln gelegen: Der Metzgermeister wurde von der Confrérie des Chevaliers du Goûte-Boudin zum Ritter der Blutwurst geschlagen. Aber wir konkurrieren nicht mit den Franzosen. Wir kennen unsere Grenzen.